Wie wird das Bild eines Mörders kreiert und wie
beeinflusst es die Gesellschaft? Anhand des Falls James Bulger, eines Zweijährigen,
der von zwei Zehnjährigen umgebracht wurde, beantwortete Dr. habil. Marzena Sokołowska-Paryż diese Frage mit
ihrem Vortrag „Verbrechen, die Großbritannien erschüttert haben“, den sie im Rahmen des Big Book Festivals hielt.
Im Rahmen des diesjährigen Festivals wurden „Englischlektionen“
veranstaltet, das heißt Vorträge, die dem Besucher Großbritannien näher bringen
sollen. Dr. habil. Marzena
Sokołowska-Paryż schaute sich die kriminelle Vergangenheit des Landes an.
„Wir merken uns die Namen der Mörder, aber nicht die der Opfer“, sagte Sokołowska-Paryż.
So sei es im Fall von Fred und Rosemary West, die zwanzig Jahre lang gemordet
hatten. Erst in den neunziger Jahren wurden sie gefasst. In ihrem Garten in der
Cromwell Street 25 hatten sie über ein Dutzend Opfer verscharrt. Ihr Haus wurde
zu einer touristischen Attraktion, bis es endlich abgerissen wurde und an
seinem Standort ein Rasen und ein Fußweg angelegt wurden.
Ähnlich sei es im Fall von Myra Hindley und Ian Brady, die sogenannten
„Moormörder“. In den sechziger Jahren hatten sie fünf Minderjährige ermordet,
nachdem sie vier von ihnen vergewaltigt hatten. Myra wurde 1995 von dem
Künstler Marcus Harvey porträtiert, der an ihre Unschuld glaubte. Zwei Jahre
später wurde das Gemälde in der Königlichen Akademie der Schönen Künste
ausgestellt.
Auch der „Yorkshire Ripper“, der
in den Jahren 1975-1980 dreizehn Frauen brutal ermordet hatte, ist im gewissen
Grade zu einem Prominenten geworden. Blake Morrison schrieb eine Ballade
über ihm, um darauf hinzuweisen, wie schmal die Grenze zwischen dem Diskurs und
der Tat ist. Dies habe er durch die Zweideutigkeit seiner Sprache erreicht. „to
hammer“ bedeute sowohl „mit großer Kraft zuschlagen“ als auch „Hammer“, also die
Tatwaffe des „Yorkshire Ripper“ sagte
die Referentin und führte Redewendungen an, die Männer in Bars unter
Alkoholeinfluss benutzten.
Mörderische
Unschuld
„Großbritannien lässt sich in ‚vor‘ und ‚nach‘
dem Mord an James Bulger teilen“, sagte Sokołowska-Paryż. Die Rede ist von einem Zweijährigen, der 1993 von zwei
Zehnjährigen (Robert Thompson und Jon Venables) ermordet wurde. Die damalige
Gesetzgebung ließ es zu, die Minderjährigen vor Gericht wie Volljährige zu
behandeln.
„Aber es sind doch wir Erwachsene, die entscheiden, in welchem Alter Kinder
gerichtet werden können. Als sie zur Verhandlung gebracht wurden, wäre es
beinahe zu Lynchjustiz gekommen. Blake Morrison kommentierte dies so: „Sie
wollten Kinder umbringen, weil es nichts Schlimmeres gibt, als ein Kind
umzubringen”. Sokołowska-Paryż stellte außerdem mehrere Fragen, unter anderem,
was Thompson und Venables im Handelszentrum zu suchen hatten (sie schwänzten),
warum Bulger vier Kilometer lang mit ihnen mitging, ohne dass jemand reagierte,
warum sie nicht gestanden (weil sie sich vor der Strafe ihrer Eltern
fürchteten, nicht vor dem Urteil), so Sokołowska-Paryż.
Die Referentin wies auf die Determiniertheit des sozialen Umfeldes hin, das
in diesem Fall außenvor gelassen worden sei. Ein Polizist will, als er einen
der Jungen zum ersten Mal gesehen habe, sofort das Böse in diesem wahrgenommen
haben. Die Mutter sagte immer wieder, dass schließlich nicht sie schuld sei,
sondern das Kind. Und die Schuldirektorin machte sich lediglich darum Sorgen, dass
ihre Einrichtung nun für die Mörder-Schüler bekannt sein würde. Niemand fühlte
sich mitverantwortlich für ihre Erziehung.
Das von den Boulevardblättern kreierte Bild der Jungen machte aus ihnen
„Stars“ von der Sorte der bereits erwähnten Mörder. Die Gesellschaft teilte
sich in Befürworter einer harten Strafe für sie und in Menschen – sie waren in
der Minderheit – die daran erinnerten, dass für die Taten Zehnjähriger die
Erwachsenen und Institutionen mitverantwortlich sind, die diese erziehen.
Der von Sokołowska-Paryż besprochene Fall des Mordes an einem Kind,
beweist, dass es viele Möglichkeiten gibt, ein eindrucksvolles Bild eines
Mörders zu kreieren. So wie Marcus Harvey die Myra Hindley als Gemälde verewigt
hat, so hat die Boulevardpresse das Bild von Thompson und Venables verewigt, so
dass sich die Briten noch lange an dieses Verbrechen erinnern werden.
Mariusz
Bartodziej