Am 06.11.2026 wurde das Deutsch-Polnische Barometer 2026 im voll besetzten Saal des Tagesspiegels in Berlin vorgestellt. Die aktuelle Studie zeigt erneut, wie differenziert die Wahrnehmung der deutsch-polnischen Beziehungen in beiden Ländern ist – und wo sich Perspektiven annähern oder weiterhin auseinandergehen.

Seit vielen Jahren ist das Barometer ein wichtiger Gradmesser der gegenseitigen Wahrnehmung. Die diesjährigen Ergebnisse stimmen zunächst positiv: 57 Prozent der Polinnen und Polen sowie 56 Prozent der Deutschen bewerten die gegenwärtigen Beziehungen zwischen beiden Ländern als gut. Dabei bestätigt sich auch in diesem Jahr, dass unmittelbare Kontakte und persönliche Begegnungen mit Menschen im Nachbarland entscheidend zu einer positiven Wahrnehmung beitragen.
Als wichtiger Faktor für gute Beziehungen werden zudem gemeinsame wirtschaftliche Interessen gesehen. Beim Blick auf die gemeinsame Vergangenheit bestehen weiterhin unterschiedliche Wahrnehmungen und Meinungen. Eine Mehrheit in beiden Ländern sieht den Versöhnungsprozess als noch nicht abgeschlossen. Zugleich unterscheiden sich die Einschätzungen darüber, wie weit dieser Prozess bereits vorangeschritten ist und in welchem Maße das Leid Polens in Deutschland heute angemessen anerkannt wird. Gerade diese Unterschiede machen deutlich, dass die Auseinandersetzung mit den schwierigen Kapiteln der Geschichte und Versöhnungspolitik weiterhin wichtige Aufgaben bleiben.

Erstmals widmet sich die Studie ausführlicher der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit. Angesichts der Bedrohung durch Russland begrüßte Agnieszka Łada-Konefał, Vizedirektorin des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, die breite Zustimmung in beiden Gesellschaften zu einer vertieften Kooperation – auch im militärischen Bereich sowie bei Energieversorgung und der Abwehr hybrider Bedrohungen. Gerade mit Blick auf die gemeinsame Geschichte sei diese Offenheit bemerkenswert.
Der Polen-Koordinator der Bundesregierung, Knut Abraham, zeigte sich von den Ergebnissen teilweise überrascht. Das Barometer sei der zentrale Bezugspunkt und gewissermaßen der „Pegelstand“ der deutsch-polnischen Beziehungen. Erfreulich sei die positive Grundstimmung in beiden Gesellschaften, die allerdings nicht immer mit der politischen Wahrnehmung in Berlin und Warschau übereinstimme. Als Herausforderungen nannte Abraham insbesondere die kritische Sicht auf die deutsche Außen- und Europapolitik in Polen sowie die zunehmend distanzierte Haltung jüngerer Menschen gegenüber Deutschland. Auch historische Themen spielten heute eine größere Rolle als noch vor zehn bis fünfzehn Jahren. Für die Politik gelte es nun, diese kritischen Befunde aufzugreifen und die Beziehungen in den Bereichen zu stärken.

An der anschließenden Diskussion beteiligten sich auch Piotr Womela von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Warschau und Małgorzata Kopka-Piątek vom Institut für öffentliche Angelegenheiten. Dabei ging es unter anderem um die Frage, warum Deutschland offenbar sein Image als „sicheres Land“ eingebüßt hat und welche Rolle die Medien und die deutsche Innenpolitik dabei spielen. Thematisiert wurde zudem die Bedeutung der Wirtschaft als Motor der bilateralen Beziehungen neben der Zivilgesellschaft. In diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, dass Polen Frankreich als wichtigsten Handelspartner in der EU voraussichtlich im Laufe des Jahres 2026 überholen könnte. Auch die weiterhin erwartete humanitäre Geste Deutschlands gegenüber den noch lebenden Opfern des Zweiten Weltkriegs und die verpasste Gelegenheit hierfür im Jahr 2021 kamen zur Sprache.

Zum Abschluss erläuterte Agnieszka Łada-Konefał, warum sie und Jacek Kucharczyk, Vorstandsvorsitzender des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten (Warschau), sich letztlich für den Titel „Zwischen Erinnerung und Sicherheit“ entschieden hatten. Ursprünglich hatten beide „Das Glas ist halb voll“ favorisiert. Den Ausschlag gab die große Bedeutung, die beide Gesellschaften der Sicherheit beimessen, und die positive Resonanz auf eine vertiefte Zusammenarbeit in diesem Bereich.

Diese optimistische Botschaft bleibt: Das Glas ist halb voll. Zugleich macht das Barometer deutlich, dass insbesondere in der Versöhnungspolitik und in anderen Bereichen der bilateralen Beziehungen noch viel zu tun bleibt. Das gilt auch für uns als Förderinstitution.
Download der Studie

Das „Deutsch-polnische Barometer” ist ein Projekt, das regelmäßig die Meinungen von Polen und Deutschen über die gegenseitige Wahrnehmung, die deutsch-polnischen Beziehungen und deren aktuelle Herausforderungen erhebt und analysiert. Die Untersuchungen werden seit dem Jahr 2000 durchgeführt.
Partner der Studie sind: das Institut für Öffentliche Angelegenheiten in Warschau, das Deutsche Polen-Institut, die Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen und die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit