Die Deutschen erfahren weitaus
seltener etwas über Polen als die Polen über Deutschland, und das hat einen
deutlichen Einfluss auf ihre ambivalente Haltung gegenüber Polen und seiner
Bevölkerung. Die Einstellung der Polen zu Deutschland und den Deutschen hängt
weitgehend von den politischen Präferenzen und dem Medienkonsum ab, so die jährliche
Studie „Deutsch-Polnisches Barometer“.
Die am häufigsten genutzten Quellen gesellschaftlich-politischer
Informationen sind in Polen private Fernsehsender (72%), Facebook (69%),
Internetportale (68%) sowie private Radiostationen (65%). Die Deutschen beziehen
ihr gesellschaftlich-politisches Wissen größtenteils aus dem
öffentlich-rechtlichen (69%) und privaten (66%) Fernsehen, dem
öffentlich-rechtlichen Radio (59%) sowie Internetportalen (56%). „Die Antworten auf die Frage nach den Quellen
gesellschaftspolitischen Wissens zeigen deutliche Unterschiede zwischen Polen
und Deutschen. Letztere beziehen ihre Informationen gerne aus den öffentlichen
Medien, die in Polen weit weniger beliebt sind und weniger Vertrauen genießen.
Weniger Polen als Deutsche informieren sich in der gedruckten Presse und ihren
Online-Ausgaben. In Polen hingegen lesen die Menschen eher als in Deutschland
Informationen, die auf Internetportalen oder Facebook gepostet werden“,
fasst der Ko-Autor der Studie, Dr. Jacek Kucharczyk, Soziologe am Institut für Öffentliche
Angelegenheiten in Warschau, die Unterschiede zusammen.
In Polen wird als Wissensquelle zum Thema Deutschland am häufigsten die
Schule (46%) genannt. Wichtig sind aber auch Gespräche in der Familie (41%) und
Aussagen von Politikern (40%). In Deutschland erreicht keine der
Informationsquellen über Polen einen so hohen Anteil. Dominierend ist hier das
Fernsehen (37%), gefolgt von Schule (28%), Familie (26%) sowie der Presse
(25%). „Erwähnenswert ist der hohe Stellenwert der Schule als Quelle des Wissens
der Polen über Deutschland. Es ist wichtig, dass das Bildungssystem
Informationen über das Nachbarland vermittelt. In Deutschland, wo der
Prozentsatz der Befragten, die die Schule als Quelle für ihr Wissen über Polen
angeben, relativ niedrig ist, sollte man überlegen, wie dies geändert werden
kann“, bemerkt die Ko-Autorin Dr. Agnieszka Łada-Konefał, Politologin am
Deutschen Polen-Institut in Darmstadt.
Wie bereits in den Vorjahren sind auch 2022 die Meinungen der Polen zum
Thema Deutschland deutlich positiver als die der Deutschen über Polen. Die
Polen bewerten sowohl den Zustand der deutschen Wirtschaft (74% der positiven
Aussagen) als auch die Qualität der Demokratie (58%) sowie die Gewährung der
Bürgerrechte (57%) in Deutschland überwiegend positiv. Weniger eindeutig ist
die Beurteilung der Korruptionsbekämpfung (41%), aber auch hier überwiegen die
positiven Bewertungen die negativen.
Die deutschen Befragten beurteilen den Zustand der polnischen Wirtschaft
(35% der positiven Aussagen) und deren Attraktivität (32%) als am besten, den
Zustand der Demokratie des Landes und der Rechtstaatlichkeit (26%), die
Einhaltung der Minderheitenrechte (23%) und die Effektivität der
Korruptionsbekämpfung (21%) hingegen als eher schlecht. Bei den beiden
letztgenannten Themen überwiegen die negativen Bewertungen die positiven
deutlich. Aber: Zu jeder dieser Fragen hat die jeweils größte Gruppe der
deutschen Befragten keine Meinung, gibt eine neutrale Antwort oder gar keine.
Die Hälfte der Polen (50%) empfindet Sympathie für die Deutschen, etwas
weniger als die Hälfte der Deutschen (43%) erwidert diese Sympathie. Polen sind
gegenüber allen in der Studie abgefragten Nationen (Amerikanern, Franzosen,
Briten und Tschechen) positiver eingestellt als die Deutschen. Ein Trend, der
seit Jahren zu beobachten ist.
Der Grad der gegenseitigen Akzeptanz von Deutschen und Polen in
verschiedenen sozialen Rollen – Schwiegertochter/Schwiegersohn, Firmenchef,
direkter Vorgesetzter, Arbeitskollege, Untergebener, Einwohner, Nachbar,
Stadtrat, Freund, Lehrer/Dozent – ist generell hoch (71% – 87%), auf polnischer
Seite noch etwas höher als auf der deutschen.
Die Antworten auf beiden Seiten der Grenze werden von unterschiedlichen
Faktoren beeinflusst. In Polen sind dies häufiger politische Präferenzen und
die Medien, aus denen man über Politik erfährt, als in Deutschland. Auf
deutscher Seite wird das Polenbild eher durch das allgemeine Interesse an
Politik und dem Aufenthalt im Nachbarland geprägt.
„Die Spaltung der polnischen Meinung über Deutschland und die
Deutschen folgt hauptsächlich der in Polen vorherrschenden politischen Spaltung
in Anhänger der Regierung und der Opposition sowie in Rezipienten der
öffentlichen und privaten Medien“, kommentiert Dr. Kucharczyk. „Die
Anhänger der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit haben weniger Sympathie
für Deutsche oder akzeptieren sie seltener in verschiedenen gesellschaftlichen
Rollen als die Wähler der oppositionellen Bürgerkoalition und haben ein
schlechteres Bild von Deutschland als Land.“
In Deutschland hingegen ist es der Aufenthalt in Polen, der die Antworten
der deutschen Befragten stark beeinflusst. Deutsche, die Polen nach den
Veränderungen von 1989/90 mindestens einmal besucht haben, haben ein besseres
Bild von Polen und sind den Polen zugeneigter als diejenigen, die noch nie in
Polen waren. „Es ist daher notwendig, gerade jetzt, wo wir uns von der
Pandemie erholen, noch einmal dazu aufzurufen, die Anstrengungen zu verstärken,
um Deutsche zu ermutigen, nach Polen zu kommen“, empfiehlt Dr.
Łada-Konefał.
Die
Studie erscheint in der Reihe Deutsch-Polnisches Barometer durchgeführt vom
Institut für Öffentliche Angelegenheiten, dem Deutschen Polen-Institut, der
Konrad-Adenauer-Stiftung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.
Die Umfragen wurden von der Firma KANTAR realisiert mithilfe der CAWI-Methode
(unter Verwendung eines Online-Panels) mit je einer repräsentativen Gruppe von
1000 Einwohnern Polens und 1000 Einwohnern Deutschlands im Alter zwischen 18
und 75 Jahren zwischen dem 14. und 22. Februar 2022, also kurz vor dem
russischen Angriff auf die Ukraine. Beide landesweiten Stichproben von
Befragten sind repräsentativ nach Geschlecht, Alter und Wohnort.
Mehr in dem Bericht: J. Kucharczyk, A. Łada: „Deutsche und Polen – zwischen Nähe und Fremdheit. Deutsch-Polnisches
Barometer 2022
Interaktive Projektwebsite: https://www.deutsch-polnisches-barometer.de/de/publikation