Julia Minkowska | Auch wenn das Stellen von Fragen, die bereits eine These enthalten, gegen die Regeln der Rhetorik verstößt, war dies im Falle der Podiumsdiskussion über das Thema Wirtschaft während des Deutsch-Polnischen Forums durchaus gerechtfertigt. Die Experten diskutierten nämlich darüber, warum die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland so erfolgreich sind und wie man sie weiterhin so effektiv wie bisher gestalten kann. All dies war eine Zusammenfassung von 35 Jahren gemeinsamer Aktivitäten im Rahmen des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit.
Der am 17. Juni 1991 in Bonn unterzeichnete Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit war die Krönung des Normalisierungsprozesses in den deutsch-polnischen Beziehungen nach der Nachkriegszeit. Nicht zu übersehen ist auch die Tatsache, dass dies für beide Länder ein besonderer Moment war – kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, nach den ersten vollständig freien und allgemeinen Wahlen in Polen sowie nach der Bestätigung der Oder-Neiße-Grenze im Rahmen des Grenzvertrags. Der Vertrag bildete die Grundlage für politische Stabilität, die zu einem Anstieg des Handelsverkehrs führte und damit die gegenseitigen Positionen starker Wirtschaftspartner prägte. Während des diesjährigen Deutsch-Polnischen Forums in Berlin, anlässlich des 35. Jahrestags der Unterzeichnung des Vertrags, diskutierten Experten über die positiven wirtschaftlichen Veränderungen im Rahmen der deutsch-polnischen Zusammenarbeit seit jener Zeit.
Die wirtschaftliche Zusammenarbeit besteht nicht nur aus Zahlen und Statistiken, sondern vor allem aus den Menschen, die sich für ihre Entwicklung engagieren. Genau diese nahmen am Wirtschaftspanel des Deutsch-Polnischen Forums 2026 in Berlin teil. Aus Sicht der Regierung stellten Susanne Szech-Koundouros – Leiterin der Abteilung Europa im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – und Tomasz Salomon – Mitglied des Rates für die Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik Deutschland und ehemaliger Leiter der Abteilung für Handels- und Investitionsförderung der polnischen Botschaft in Berlin, die Situation vor. Über die Aktivitäten von unterstützenden Institutionen berichteten Lars Gutheil – Geschäftsführer der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer in Warschau – sowie Dorota Kafara – Expertin im Auslands-Handelsbüro der Polnischen Investitions- und Handelsagentur in Frankfurt am Main; aus unternehmerischer Sicht beleuchteten Ewa Łabno-Falęcka – Koordinatorin der Mercedes-Investitionen in Polen und Mitbegründerin der Stiftungfür dieEntwicklungderBildungfür dieIndustrie – sowie Dariusz Biernacki – Vorstandsmitglied der Comarch AG – das Thema.
Susanne Szech-Koundouros sprach über die deutsch-polnischen Beziehungen als einer wirtschaftlichen Säule für beide Länder. Sie betonte, dass das Jahr 1991, das Jahr der Unterzeichnung des Vertrags, einen Wendepunkt darstellte, der unsere Länder miteinander versöhnte und den Beginn einer echten Partnerschaft markierte. Der bilaterale Handel habe im Jahr 2025 sogar 180 Milliarden Euro erreicht, was mit der Tatsache zusammenhänge, dass Deutschland mehr nach Polen als nach China exportiere. Einen positiven Einfluss darauf hatten politische Austausche, also Regierungskonsultationen oder -ausschüsse, aber auch die Zusammenarbeit auf regionaler Ebene. Eine lebendige Nachbarschaft sei nämlich dank dieser Begegnungen und Projekte möglich, die freundschaftliche Beziehungen prägen würden. Dazu gehörten beispielsweise das Fernwärmenetzprojekt für Görlitz und Zgorzelec mit einem Investitionsvolumen von 175 Millionen oder auch das von der Podiumsteilnehmerin erwähnte Partnerschaftsprojekt im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie mit besonderem Schwerpunkt auf maritimen Technologien.
„Das ist eine große Erfolgsgeschichte, nicht nur im Rahmen der bilateralen Beziehungen, sondern auch im europäischen Ausmaß“, so fasste Tomasz Salomon die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen in den letzten 35 Jahren zusammen. Er betonte, wie stark sich der Handelsaustausch mit unserem westlichen Nachbarn seit der Unterzeichnung des Vertrags entwickelt habe, und fügte hinzu, dass wir zu Recht stolz darauf seien, wenn man dieses Niveau mit dem Umfang der Zusammenarbeit Deutschlands mit anderen wichtigen Partnern vergleiche. Neben dem Handelsaustausch selbst sei auch das Investitionsniveau ein sehr deutlicher Indikator dafür, welch enormer Erfolg die Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in den letzten 35 Jahren gewesen sei.
Die Vision einer Zusammenarbeit entstand noch vor der Unterzeichnung des Vertrags, im November 1989, als Premierminister Tadeusz Mazowiecki Bundeskanzler Helmut Kohl während der Versöhnungsmesse in Kreisau die Hand reichte. Im wirtschaftlichen Bereich nahm sie bereits ein Jahr später Gestalt an – damals wurden die ersten Strukturen ins Leben gerufen, aus denen die heutige Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (AHK) hervorging, die während des Wirtschaftspanels von Lars Gutheil vertreten wurde. Dieser beleuchtete, wie die Initiative in den vergangenen 35 Jahren eine tiefgreifende Entwicklung durchlaufen habe – von der Erleichterung für erste Investitionen bis hin zur heutigen Partnerschaft in vielen Wirtschaftsbereichen. Derzeit, bei einer Zufriedenheitsrate der Investoren von 95 Prozent, stützten sich diese Beziehungen auf die Zusammenarbeit in Sektoren wie IT, Elektromobilität oder grüner Energie, was die deutsch-polnische Zusammenarbeit zu einem starken wirtschaftlichen Fundament auf europäischer Ebene macht.
Als Polen im Jahr 2017 intensiv nach ausländischen Investoren suchte, wurde die Polnische Investitions- und Handelsagentur (PAIH) ins Leben gerufen. Ihr deutsches Büro in Frankfurt am Main wurde während der Podiumsdiskussion von Dorota Kafara vertreten. Die Aufgaben dieser Niederlassung bestünden darin, kleine und mittlere Unternehmen zu unterstützen, die sich mit Fragen zu Exportmöglichkeiten nach Deutschland an die Agentur wenden. Statistiken zeigten, dass 75 % der Unternehmer, die über einen Export ins Ausland nachdenken, sich für Deutschland entscheiden. Auch wenn es innerhalb der Europäischen Union weniger Formalitäten gibt als früher, sei – wie Kafara erklärt – der Export nach Deutschland kein Sprint, sondern ein Marathon, auf den man sich vorbereiten müsse. Ein wesentlicher Aspekt sei es, das eigene Produkt weiterzuentwickeln und die deutschen Verbraucher davon zu überzeugen. Genau darin bestehe die Rolle der PAIH, die sowohl polnische als auch deutsche Unternehmer zur Zusammenarbeit und zur Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen ermutige.
Ewa Łabno-Falęcka bezog sich bei ihren Ausführungen zur deutsch-polnischen Zusammenarbeit auf ihre persönliche Geschichte. 1991 habe sie in Tübingen an ihrer Doktorarbeit gearbeitet. Nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags in Bonn beschloss sie, dem polnischen Botschafter in Berlin, Janusz Reiter, zu schreiben, dass sie etwas für Polen tun wolle. Kurz darauf, bereits mit dem Doktorgrad, übernahm sie die Stelle der Kulturattaché in der Botschaft. Zu jener Zeit hätte es – wie Janusz Reiter betonte – zwei Schlüsselaufgaben gegeben, nämlich den Beitritt Polens zur NATO und zur Europäischen Union. Beide wurden erfolgreich abgeschlossen. Die Panelteilnehmerin wies darauf hin, dass die Ersten, die in Polen soziale, politische, aber vor allem wirtschaftliche Reformen durchgeführt haben, Menschen gewesen seien, die mit ausländischen Stipendien ausgebildet worden waren, und dass die polnische Transformation somit auch ausländische Wurzeln habe. Bei dieser Gelegenheit dankte Ewa Łabno-Falęcka der Bundesrepublik Deutschland für die Finanzierung ihres Doktorandenstudiums. Bei der Betrachtung des polnischen Bildungssystems stellte sie zahlreiche Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie fest. Aus diesem Grund habe sie die Stiftung zur Förderung der Bildung für die Industrie gegründet, um die Kluft zwischen dem Angebot des polnischen Bildungssystems und den Bedürfnissen der Arbeitgeber zu überbrücken.
Auch Dariusz Biernacki, ein Manager, der seit 15 Jahren in Deutschland lebt und arbeitet, bezog sich auf seine eigenen Erfahrungen. Er berichtete, dass er mit Schwierigkeiten auf der Autobahn A4 zu kämpfen habe, für die er nicht viele Alternativen sehe, und betonte, dass es für die Weiterentwicklung des Handelsaustausches zwischen Deutschland und Polen unerlässlich sei, die Straßeninfrastruktur zu verbessern. Schließlich könne nicht jedes Geschäft online abgewickelt werden.
Der 35. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit bot Gelegenheit, Überlegungen zur Wirtschaft aus der Perspektive Polens, Deutschlands und unserer Nachbarländer auszutauschen. Die Experten zogen Bilanz über die bisherigen gemeinsamen Erfolge, setzten Ziele für die Zukunft, wie beispielsweise die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur – der Autobahn A4, die in ihrem derzeitigen Zustand den Handelsaustausch behindert –, und diskutierten Wirtschaftsprognosen, darunter die wachsende Präsenz polnischer Unternehmen und Start-ups auf dem deutschen Markt. Die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage verlangt von unserer Partnerschaft eine verstärkte Zusammenarbeit in den Bereichen Innovation, Technologie und gemeinsame Erschließung von Drittmärkten, wobei gleichzeitig eine Abhängigkeit von außereuropäischen Ländern vermieden werden sollte – ein Ziel, auf das die deutsch-polnische Zusammenarbeit hinarbeiten sollte.
Die Podiumsdiskussion fand in Berlin im Rahmen des Deutsch-Polnischen Forums 2026 statt, das aus Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gefördert wurde.