Europa in den Augen der jungen Generation. Von der Demokratie, Technologie und grenzüberschreitender Zusammenarbeit

Wiktoria Hołda | Berlin. Junge Europäer fragen immer seltener danach, was Deutschland und Polen trennt. Sie denken eher darüber nach, wie man gemeinsam auf Herausforderungen reagieren kann, die keine Staatsgrenzen kennen. Künstliche Intelligenz, die Vertrauenskrise gegenüber Institutionen, steigende Lebenshaltungskosten, Desinformation und der Zustand der Demokratie waren die Hauptthemen des Workshops für die junge Generation im Rahmen des Deutsch-Polnischen Forums 2026 in Berlin.

Die Veranstaltung „Die junge Generation und die Zukunft der deutsch-polnischen Beziehungen”, die von der Europäischen Akademie Berlin im Rahmen des Programms „Dialog Most“ vorbereitet wurde, brachte junge Vertreter und Vertreterinnen von gesellschaftlichen Organisationen, öffentlichen Institutionen, sowie aus dem Bildungs- und Kulturbereich und Expertenkreisen aus Deutschland und Polen zusammen. Das Ziel bestand nicht nur darin, eine Bestandsaufnahme der Beziehungen zwischen beiden Ländern vorzunehmen, sondern vor allem zu erfassen, wie die neue Generation die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft Europas versteht.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse war der Perspektivwechsel. Für junge Deutsche oder Polen ist die bilaterale Zusammenarbeit nicht mehr ausschließlich eine Frage der historischen Versöhnung oder der Beziehungen zwischen den Regierungen. Immer öfter ist sie ein praktisches Instrument des Reagierens auf die Krisen des 21. Jahrhunderts.

Wirtschaftliche Unsicherheit unter jungen Menschen

Ausgangspunkt für das Gespräch waren Daten zur Situation junger Menschen in Deutschland und Polen. Besondere Aufmerksamkeit erregte das Ausmaß der wirtschaftlichen Unsicherheit. In Deutschland befürchten sogar 89% junger Menschen die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf die Arbeitsplätze. In Polen erklären 78% der Jugendlichen, Angst vor einem Misserfolg auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Schlüsselprobleme in beiden Ländern bleiben die Lebenshaltungskosten, der Wohnungsdruck und das Gefühl, dass das Bildungssystem dem Tempo technologischer Veränderungen nicht standhält.

Diese Daten verliehen der Diskussion einen deutlich sozialen Charakter. Sie zeigten, dass die junge Generation auf beiden Seiten der Oder trotz unterschiedlicher historischer und politischer Erfahrungen mit ähnlichen Sorgen konfrontiert ist. Die wirtschaftliche Unsicherheit beeinflusst heute nicht nur die Berufswahl, sondern auch die Einstellung zur Klimapolitik, zu öffentlichen Institutionen und zur Idee der europäischen Solidarität selbst.

Künstliche Intelligenz, Arbeit und die Zukunft der Bildung

Eines der am häufigsten wiederkehrenden Themen war die künstliche Intelligenz. Sie tauchte aber nicht als abstrakte Technologie der Zukunft, sondern als realer Faktor auf, der den Arbeitsmarkt, die Bildung und das Sicherheitsgefühl junger Menschen verändert.

Die Diskussion hat gezeigt, dass die Angst vor der KI nicht ausschließlich auf der Angst vor einer Automatisierung von Berufen basiert. Sie betrifft auch die Frage, ob Schulen, Hochschulen und öffentliche Institutionen bereit sind, die junge Generation auf eine Welt vorzubereiten, in der technologische Kompetenzen, kritisches Denken und berufliche Flexibilität zu einer Bedingung für gesellschaftlichen Stabilität werden.

Demokratie als Alltagspraxis

Ein wesentlicher Teil des Workshops war der demokratischen Resilienz gewidmet. Die Demokratie wurde dabei nicht als eine abstrakte Losung, sondern als alltägliche gesellschaftliche Praxis betrachtet. Zu ihren am häufigsten genannten Fundamenten gehörten die Meinungsfreiheit, die Rechtsstaatlichkeit, die Menschenrechte, Minderheitenrechte, die Verantwortung der Medien, politische Bildung und die Teilhabe junger Menschen am öffentlichen Leben.

Besonders interessant waren die von den Teilnehmenden gestellten Fragen: Repräsentieren die heutigen Parteisysteme die Gesellschaft tatsächlich, wie kann man der Desinformation im Zeitalter künstlicher Intelligenz entgegenwirken, wo verläuft die Grenze zwischen Toleranz und der Verteidigung demokratischer Werte, und können demokratische Institutionen gegen die Demokratie selbst missbraucht werden? Das verlagerte das Gespräch von der Ebene allgemeiner Erklärungen auf die Ebene realer Spannungen, mit den die heutigen europäischen Staaten konfrontiert sind.

Desinformation und Vertrauenskrise

Das Thema Demokratie verband sich auf natürliche Weise mit einem Gespräch über Desinformation, soziale Medien und Algorithmen. Die heutigen Gesellschaften funktionieren nicht mehr ausschließlich im traditionellen Informationsumlauf. Immer öfter werden politische Meinungen von digitalen Plattformen, emotionalen Botschaften und geschlossenen Informationsblasen geprägt.

In diesem Zusammenhang bedeutet demokratische Resilienz nicht nur funktionierende Institutionen, sondern auch bewusste Bürger. Medienkompetenz, die Fähigkeit, Manipulationen zu erkennen, und die Bereitschaft für ein Gespräch mit Menschen, die andere Ansichten vertreten, wurden als einige der wichtigsten Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung einer demokratischen Debattenkultur genannt.

Symbolische Brücke zwischen Polen und Deutschland|

Ein wichtiges Motiv des Workshops war das Brückensymbol – im Kontext des Programms Dialog Most wurde es zu einer Metapher der deutsch-polnischen Beziehungen. Diese wurden als Prozess des Aufbaus dauerhafter gesellschaftlicher, kultureller und zivilgesellschaftlicher Verbindungen verstanden. Die Teilnehmenden analysierten, wo ein solcher Austausch bereits funktioniert, welche Bereiche noch schwach entwickelt bleiben sowie welche Maßnahmen das gegenseitige Vertrauen stärken könnten.

Die Brücke stand nicht nur für historische Versöhnung. Sie war ein Symbol für praktische Zusammenarbeit: zwischen Schulen, Hochschulen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Städten, Regionen und jungen Führungskräften, die auf Erfahrung, und nicht ausschließlich auf offiziellen Deklarationen gründende Beziehungen aufbauen wollen.

Zu den Vorschlägen zur Stärkung der deutsch-polnischen Beziehungen gehörten Jugendaustauschprogramme, Hochschulzusammenarbeit, lokale zivilgesellschaftliche Projekte, interkulturelle Bildung und die Schaffung von Räumen für direkte Begegnungen. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass in einer von der digitalen Kommunikation dominierten Welt gerade der persönliche Kontakt eines der wirksamsten Mittel sei, stereotype Vorstellungen zu durchbrechen und aus seinen Informationsblasen hinauszukommen.

Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn sie zeigt, dass internationale Beziehungen nicht ausschließlich auf der Ebene der Regierungen aufgebaut werden. Ihre Beständigkeit hängt auch von den alltäglichen sozialen Kontakten ab, von Sprachenkenntnissen, der Erfahrung der anderen Kultur und der Bereitschaft, gemeinsam zu handeln.

Neue Generation, neue Sprache der Zusammenarbeit

Der Workshop hat gezeigt, dass die Zukunft der deutsch-polnischen Beziehungen nicht ausschließlich von den Entscheidungen der Politiker abhängig ist. Sie wird auch von jungen Menschen gestaltet, die immer deutlicher Selbstwirksamkeit, eine bessere Repräsentation und eine reale Teilnahme an den demokratischen Prozessen einfordern.

Ihre Perspektive ist weniger von den Ritualen der Diplomatie belastet, sie konzentriert sich eher auf praktische Fragen: Wie lässt sich Sicherheit gewährleisten, wie das gesellschaftliche Vertrauen wieder aufbauen, wie sollte man das Bildungssystem auf technologische Veränderungen vorbereiten und wie die Solidarität in Europa unter dem Druck immer weiterer Krisen aufrechterhalten?

Die wichtigste Schlussfolgerung vom Berliner Treffen ist politisch bedeutsam: Die junge Generation lehnt die Idee der europäischen Zusammenarbeit nicht ab, erwartet jedoch, dass diese konkreter, sozial sensibel und resilient gegenüber den Herausforderungen der Zukunft sein wird.

Die deutsch-polnischen Beziehungen können in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen, vorausgesetzt, dass sie nicht nur auf der Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch auf der gemeinsamen Verantwortung für das aufgebaut werden, was erst kommen wird.

Das diesjährige Deutsch-Polnische Forum, das von der Stiftung Deutsch-Polnische Zusammenarbeit organisiert wurde, fand unter dem Motto „Nachbarschaft im Wandel. 35 Jahre deutsch-polnischer Zusammenarbeit“ statt.