Was ist das eigentlich? Zu was für einer
Veranstaltung gehe ich überhaupt? Ist das ein Film oder eine Theateraufführung?
Ist das Kunst oder ein Auftritt von Illusionisten? Ich hatte keine Vorstellung
davon, was ich zu erwarten hatte. Die Stiftung für deutsch-polnische
Zusammenarbeit – aus dessen Mitteln das Event mitfinanziert wurde – sprach von einem Film, der Flyer
hingegen von… allem in einem!
Von Kino und dazu noch von magischem Kino, von
Theater, genauer gesagt vom Theater Illuminago, das darüber hinaus Laterna
Magica („Magische Laterne”) sein solle, von Wissenschaft, von technischen
Innovationen und historischen Geräten. Und außerdem von einem Medium, von Musik,
einem Kommentar und nebligen Bilder. In der Ankündigung stand, dieses Kino sei aus
Zeiten, da es noch keine Filme gab (Was ist das dann für ein Kino?!, fragt man
sich), es würden Stars gezeigt, das würde ein wahres Fest sein… so ein
Schabernack, dachte ich mir.
Was also habe ich gesehen? Da war vielleicht
was los auf der Bühne! Am Ende wollte das Publikum noch mehr. Die Ankündigungen
hatten nicht übertrieben, der Event zeigte das gesamte Spektrum ungeahnter
Attraktionen, die schon in der kleinen Informationsbroschüre neugierig gemacht
hatten.
Diese ungewöhnliche Vorführung – „Magisches
Kino – zwischen Wunder und Wissenschaft“ – wurde am 17. Januar 2013 im Kino
Amok in Gliwice aus Anlass seines 20jährigen Bestehens gezeigt. Der
ausgezeichnete und bezaubernde Auftritt der Gruppe Laterna Magica Ensemble Illuminago
aus Hessen füllte auf fantastische und außergewöhnliche Weise kreativ und
künstlerisch zwei Stunden eines normalen Sonntagnachmittags. Die Vorführung versetzte
die Zuschauer in die Vergangenheit, bis in das Jahr 1880. Sie zeigte einen
Ausschnitt aus einer entspannten Welt, der die Schnelligkeit und Eile des 21.
Jahrhunderts unbekannt sind. Sie versetzte uns an einen Ort, an dem das
Verharren vor dem Schönen und die Verneigung vor der Kunst ein natürliches
Element ist und Ausdruck der Achtung für das Außergewöhnliche und für andere
Werte als die materiellen.
Doch zurück zu dem, was auf der Bühne los
war. Im Saal warteten etwa 150 Personen ungeduldig auf den Beginn des
Unbekannten. Plötzlich geht das Licht aus, und wunderschöne, stilvolle und
antike Projektoren treten in den Mittelpunkt des Geschehens. Zwei unsichtbare
Meister herrschen über sie, es sind Ludwig Maria Vogl und sein Assistent Mervyn
Bieniek. Es beginnt eine Vorstellung, wie ich sie noch nie gesehen habe. Eine Vorstellung,
in der das Schöne die Hauptrolle spielt…
Was ich sehe? Dementoren wie bei Harry
Potter! Aber wieso im 21. Jahrhundert? Oder halt, doch nicht. Formen und
Schatten – wie ein subtiler und sinnlicher Tanz in dunkelblauer Tinte, die in
Wasser gegossen wird. „Herzlich willkommen“, begrüßt
Karin Bienek die Versammelten mit ausländischem Akzent . Sie ist es, die bis zum Ende auf der Bühne
dominiert und mit ihren humorvollen Kommentaren das Geschehen erläutert.
Genau – die Bilder. Die ganze Vorstellung ist
voll von Bildern. Gezeigt werden sie auf Dias, die Ludwig Maria Vogl jahrelang
leidenschaftlich gesammelt hat. Seine imponierende Sammlung besteht aus 3000
Objekten, deren unsagbarer Wert nur ein Wort beschreiben kann: „unschätzbar“.
Auf den Dias sind Landschaftsbilder zu sehen. Wunderschöne Winter- und Frühjahrslandschaften.
Außerdem melancholische Dorf- und Meereslandschaften, lustige Tierporträts und
komische Szenen mit Menschen in Kostümen direkt aus dem modischen Paris des 19.
Jahrhunderts. Die Künstler selbst sind ebenfalls ausgesprochen elegant. Karin
in einem langen dunkelblauen Kleid, Ludwig hingegen in einer schicken Weste.
Beide präsentieren ihre Kleider mit Grazie.
Ganz anders als
im normalen Kino erklingen ständig Bravorufe, und weitere Aufzüge werden
begleitet von Kinderstimmen, die unaufhörlich „Was ist das?“ oder „Und das?“
fragen. Ganz anders als im normalen Kino sprechen die Schauspieler hier mit uns,
und wir waren es, die hier auf Drei mit Applaus entschieden, was auf der
Leinwand vor sich geht. Wir sahen hier, anders als in einer
Bilderbuchillustration, „action“ und die Bewegung des Sonnensystems. Wir sahen
den unaufhörlichen Wettlauf und den Versuch der Planeten, einander zu
überholen. Dank des mechanischen Effektes der Überlagerung der Bilder konnten
wir pulsierende und hypnotisierende Sonnenstrahlen bewundern. Darüber hinaus
starrten wir wie gebannt auf den Schnee, der vor dem wunderbaren Bild einer
alten, sich bewegenden (!) Mühle rieselte. Aus dieser Nostalgie riss uns Karin,
die mit hoher Stimme und überraschend gutem Polnisch „Wlazł kotek na płotek” [dt.
Kletterte ein Kätzchen auf den Zaun, polnisches Kinderlied; Anm. d. Üb.]
anstimmte. Zur großen Freude der Kinder, die sich statt mit Applaus im Chor mit
„Miau, miau“ bedankten.
Die Spezialisten
für die musikalische Gestaltung und den Aufbau der entsprechenden Stimmung
durch Klänge sind Judith Herrmann und ihr Assistent – das hochwohlgeborene
Klavier. Mit gemeinsamen Kräften erfüllen sie die gesamte Vorführung mit den
entsprechenden Tönen und Noten. Mal klingt das Kinderlied bedrohlich, und ein
beängstigender Vulkanausbruch verschlägt uns den Atem und drückt uns regelrecht
in die Sessel. Aber das ist erst der Anfang! Kurz darauf ist auf der Leinwand ein
schlafender Soldat zu sehen, dann über seinem Kopf ein Einblick in seinen Traum
– das ist selbst in den heutigen Multiplexkinos unmöglich… Das Publikum ist
bewegt und schweigt…
Als nächstes
werden wir zu einer Messe im damaligen England versetzt, während der Projektor
ein Gleichnis über einen verlorenen Sohn erzählt. Wir erfahren, dass die Messen
in England früher illustriert waren – und wir wundern uns, dass diese attraktive
Form abgeschafft wurde.
„Früher hatten
solche Darbietungen außer der belehrenden Rolle auch noch das Ziel zu bilden“,
erklärt Karin mithilfe des Übersetzers Professor Andrzej Gwoźdź. Über
Reisefotografien gelangen wir für einen Moment nach Ägypten, und von dort aus
zum Big Ben, ins Herz des alten London.
Ein weiteres und
ebenfalls hypnotisierendes Element war die Darbietung von Chromatropen –
beweglichen Bildern, die so farbig sind wie in einem Kaleidoskop und mit
„Laterna Magica” sichtbar gemacht werden. Am Ende wurde ein danse macabre
gezeigt: lustige Skelette tanzten einen Cancan, und kehrten dann schnell in
ihre Welt zurück.
Die Schauspieler
reagierten auf unseren Beifall mit zwei Zugaben, die wir auch noch selbst aussuchen
durften. Eine der Zugaben war das englische Lied über eine Schäferin, das uns
extrem gut gefallen hatte. Karin lud alle zum gemeinsamen Singen des Refrains
ein, und tröstete uns, als sie bei der zweiten Strophe unsere noch unsicheren
Stimmen hörte: „Macht euch keine Sorgen, bei der 12. Strophe werdet ihr das
auswendig können.“
Vor der zweiten
Zugabe frage Ludwig alle: „Was wünschen Sie sich?“, woraufhin der gesamte Saal,
von Kleinkindern bis zu Rentnern, einstimmig rief: „Bilder!“ Und schon tauchten
wir wieder in die fantastischen Visualisierungen der Chromatropen ein.
Nach der
Vorstellung hatten wir die Gelegenheit, unsere Neugier zu stillen, indem wir
Ludwig umlagerten und mit Dutzenden Fragen löcherten. Und wenn wir nicht Platz
für die nächste Vorstellung hätten machen müssen, hätten wir den Meister und
seine Dias sicherlich noch weitere zwei Stunden in Anspruch genommen…
Ada Kiryluk