Frauen an den Fronten. Das Interview mit Monika Dobrowlańska führte Julia Wysocka

Am 23 Mai fand im Maxim Gorki Theater in Berlin die Premiere des Stückes „Displaced Women” statt. Regisseurin Monika Dobrowlańska spricht über das Konzept dieses trilateralen Projekts und die unaufhörlichen Schwierigkeiten, auf die man trifft, wenn man das Thema Krieg behandelt.

Am 23. Mai findet im Maxim Gorki
Theater in Berlin die Premiere des Stückes „Displaced Women” statt. Regisseurin
Monika Dobrowlańska spricht über das Konzept dieses trilateralen Projekts und
die unaufhörlichen Schwierigkeiten, auf die man trifft, wenn man das Thema
Krieg behandelt.

Julia Wysocka: Wie entstand das
Projekt „Displaced Women“?

Monika Dobrowlańska: Das war ein langer Prozess. Ich kam in Polen, Deutschland
und Weißrussland mit verschiedenen Texten in Berührung, die ungewöhnliche
Frauenschicksale beschreiben, über welche nach dem Krieg oft geschwiegen wurde.
Sie lassen sich nicht mit der kollektiven, heldenhaften Kriegserfahrung
vereinbaren, welche wir den jungen Generationen vermitteln wollen. Die
Geschichten dieser Frauen inspirierten mich zu dem Theaterprojekt.

Generell wird Krieg eher als
Männersache angesehen.

Eindeutig. Diese Texte, die eigentlich
sehr unterschiedlich sind, brachten mich zum Nachdenken. Ich dachte mir: warum
nicht ein Theaterstück machen, das andere Sichtweisen auf Frauenschicksale im
Krieg darstellt? Es gibt nicht nur eine Wahrheit und sie ist nicht
schwarz-weiß. Außerdem fand ich in diesen Geschichten viele übereinstimmende
Elemente.

Welche?

Ich bemühe mich diese im Stück
aufzuzeigen. Jeder, der von mir ausgewählten Texte ist wirklich einzigartig,
aber hat auch etwas gemeinsam mit den Übrigen. Den weißrussischen Teil bilden
die Reportagen von Swetlana Alexijewitsch mit dem Titel „Der Krieg hat kein
weibliches Gesicht“. Darin sind Schicksale von Soldatinnen beschrieben, die
erst 30 bis 40 Jahre nach dem Krieg begannen Alexijewitsch ihre Geschichten zu
erzählen. Vorher wollten sie nicht zu ihrer Vergangenheit zurückkehren und sie verzichteten
auf viele Vergünstigungen, die Kriegsveteranen zustehen. Man darf nicht
vergessen, dass diese Frauen oft krank waren – sie gingen als sehr junge Frauen
in den Krieg. Sie waren noch keine 20 und manchmal kehrten sie beinahe als
menschliche Wracks aus dem Krieg zurück. 

Erst nach vielen Jahren versuchen
sie sich von dem Trauma zu befreien.

Sie bekommen auch mehr Mut über
ihre Erlebnisse zu sprechen. Nach Jahren kommen sie zu dem Schluss, dass ein
solches Geständnis doch wichtig ist. Sie haben letztlich nichts zu verlieren.
Einer der Gründe für ihr Schweigen nach dem Krieg war die Angst von der
Gesellschaft abgelehnt zu werden. Diese Frauen hatten Angst, dass sie kein
normales Leben führen können, denn wer will schon mit einer Soldatin
zusammenleben, die 70 Menschen getötet hat?

Aber mit einem Soldaten will
jeder zusammen sein?

Genau, denn das ist männlich, oder?
Ihre Familien rieten ihnen, über ihre Vergangenheit zu schweigen. Sie wurden
sogar Fronthuren genannt! Ihre komplizierten Schicksale hingen zum Teil mit
Soldaten zusammen, mit denen sie an der Front waren und von denen sie dann
verlassen wurden. Zu lange hatten diese die Frauen in Soldatenstiefeln und -hosen
gesehen und sahen sie als „Mannweiber“ an. Die Schicksale dieser Frauen waren
wirklich tragisch.

Und bestimmten ihr weiteres Leben
nach dem Krieg?

So war es in den meisten Fällen.
Das Leben in den Ländern der ehemaligen UdSSR war schwierig und die
Gesellschaft war vielen Einschränkungen unterworfen. Schlecht wurden vor allem
die behandelt, die in Gefangenschaft gerieten oder Zwangsarbeiter waren. Stalin
sagte, dass es keine Gefangenen gäbe, sondern nur Verräter. Die Menschen
kämpften im Krieg, danach wurden sie für viele Jahre nach Sibirien geschickt,
und außerdem wurde die ganze Familie verfolgt, weil jemand Gefangener war. Ich
habe die Lebenserinnerungen einer Frau gelesen, deren Mann Gefangener war und nach
Sibirien geschickt wurde. Die erste Frage in allen Bewerbungen für eine
Arbeitsstelle war: war jemand aus Ihrer Familie Kriegsgefangener? Und sie, die
vor dem Krieg Lehrerin war, konnte nicht einmal als Putzfrau Arbeit in einer
Schule finden.

Das Theaterstück soll die Stärke
der Frauen zeigen und Stereotype überwinden?

Mein Hauptziel ist es, besondere
Frauenschicksale, die sich bedeutend von Männerschicksalen unterscheiden,
vorzustellen. Das Theaterstück an sich bricht mit Stereotypen, denn das macht
die Berichte aus. Die Protagonistinnen sagen, dass sie nicht in Kesseln rühren
oder irgendwo im Hintergrund Uniformen waschen wollten. Sie wollten an
vorderster Front sein, als Scharfschützinnen oder Fliegerinnen, die typisch
männliche Aufgaben übernahmen. Zum Teil waren sie sogar geschickter als ihre
männlichen Kollegen. Die meisten von ihnen begannen zu kämpfen, als die
Deutschen sich Moskau näherten. Alle waren schon im Krieg und damals fing man
an junge Frauen einzusetzen.

Frauen waren also Teil der
Geschichte.

Wenn sie aktiv teilnehmen
wollten, was natürlich seinen Preis hatte. In meinem Projekt versuche ich das
zu erklären.

Das heißt, das Theaterstück ist
eine Art Ehrung dieser Frauen?

Ja, ich wäre sehr froh, wenn
diese Schicksale nicht in Vergessenheit gerieten.

Sie zeigen den Krieg aus drei
unterschiedlichen Perspektiven – aus der Sicht einer Weißrussin, einer
Deutschen und einer Polin. Für einen Regisseur ist es keine leichte Aufgabe aus
mehreren verschiedenen Texten eine Einheit zu bilden.

Ich muss zugeben, dass ich mich
damit an eine Herausforderung wagte. Das Skript für das Theaterstück schrieb ich
zusammen mit dem Dramaturgen Michał Walczak.

Ich habe noch nichts zu dem
deutschen Text gesagt, der mich zu diesem Projekt inspiriert hat. Er heißt
„Anonyma. Eine Frau in Berlin”. Er erschien in Deutschland in den 50er Jahren
und wurde damals von der Gesellschaft abgelehnt. Er wurde mit großer Entrüstung
aufgenommen, weil er die ersten Wochen des Vormarsches der Roten Armee nach
Berlin behandelt. Er erzählt von Massenvergewaltigungen an deutschen Frauen, an
sich ein Thema, das auch früher schon untersucht wurde. Vorher gab es
allerdings noch keine Beschreibungen der Überlebensstrategien dieser Frauen. So
wie die der Autorin dieser Aufzeichnungen, die schreibt, dass sie sich einen
hochrangigen Offizier aussuchte, um nicht ständig vergewaltigt zu werden. Er
sollte sie davor beschützen. Sie war nicht die Einzige, die eine solche Wahl
traf, dennoch handelt es sich hierbei eher um Einzelfälle.

Vor kurzem waren Sie in Łodź, um
die Verfasserin des polnischen Textes zu treffen.

Ich habe verschiedene
Erinnerungen von Zwangsarbeitern gelesen. Es gibt eine Publikation der Stiftung
Polnisch-Deutsche Aussöhnung und dort fand ich die Geschichte einer der
Arbeiterinnen. Es gelang mir, mich mit dieser Frau in Verbindung zu setzen und
sie gab ihre Zustimmung dafür, ihre Geschichte für das Theaterstück zu
verwenden. Meiner Meinung nach ist es eine außerordentlich emotionale
Erfahrung, besonders für einen älteren Menschen, wenn über sein Leben erzählt
wird.

Glauben Sie, dass Deutsche
mutiger über ihre Vergangenheit sprechen?

Es kommt mir vor, als ob sie es
eindeutig mutiger tun als Polen. In unserem Land beginnt man erst jetzt über
manche Dinge, die mit dem Thema des Zweiten Weltkriegs zusammenhängen, zu
sprechen. Das Schweigen darüber war unter anderem eine Folge der komplizierten
politischen Situation.

Die Polen leben in der
Vergangenheit und die Deutschen wollen nach vorne schauen?

Legenden sind die Grundlage
unseres Denkens und wir sind schockiert, wenn gewisse, für uns nicht besonders
angenehme Dinge ans Licht kommen. Man muss über das reden, was schmerzlich ist,
auch für uns. Im Theaterstück geht es mir auch darum, dass man sich gegenseitig
aus der Perspektive verschiedener Nationen betrachtet. Wie eine Soldatin, die
an der Front ist, die Deutschen sieht und wie Soldaten der Roten Armee. Dazu
kommt noch eine Zwangsarbeiterin. Außerdem ist diese im wahrsten Sinne des
Wortes eine displaced person. Der
Titel des Projekts ist eine Umschreibung dieses Begriffs. Es ist, anders
gesagt, eine Person, die sich außerhalb ihres Heimatlandes befindet, deren
Erlebnisse sich nicht einreihen lassen in die kollektiven Erlebnisse ihrer
Nation. Sie musste Erfahrungen machen, über die man besser nicht spricht, die
unbequem sind. Im Grunde genommen sind es solche, unbequeme Personen.

Hatten die Schauspielerinnen
keine Probleme damit, sich mal in die Rolle des Täters, mal in die Rolle des
Opfers zu versetzen?

Ich habe Schauspielerinnen
ausgewählt, die meiner Meinung nach einfach zu diesen Rollen passen. Die
Besetzung setzt sich aus Svietlana Anikej, Monika Dawidziuk  und Anna Poetter zusammen. Ich vertraue
Ihnen, dass sie die Figur verkörpern, um die es mir geht und dass in diesem
internationalen Team die Kommunikation gut funktioniert. Sie sind sehr offen
und interessiert und bedienen sich keiner Stereotypen.

Wie reagierten sie auf Ihr
Angebot?

Begeistert. Ich bin sehr positiv
überrascht, das Theaterstück erfreut sich wirklich großen Interesses. Es kommt
einem vor, als wäre schon so viel über den Zweiten Weltkrieg gesagt worden,
dass man nicht mehr viel Neues dazu sagen kann. Und doch. Gerade diese
Schaffung von Legenden und die Unaufrichtigkeit, die mit dieser Problematik
einhergehen, provozieren mich.

Es gibt eine einfache Aufteilung:
in die Bösen und die Guten.

Erstens das. Aber zweitens: wir
waren nicht immer Opfer. 

Text: Julia Wysocka
Übersetzung aus dem Polnischen:
Isabella Feld