Fünf Veröffentlichungen auf der Shortlist für den Tadeusz-Mazowiecki-Medienpreis

Die Jury hat fünf Veröffentlichungen für die Shortlist des Tadeusz-Mazowiecki-Medienpreises ausgewählt. Diese werden nachstehend in alphabetischer Reihenfolge vorgestellt.

1. Die Reportage „Ost Kurwa“ von Andreas Bock, erschienen im Magazin 11FREUNDE, mit Fotografien von Jonas Berndt

Die Jury würdigte diese „Milieustudie“ für ihren originellen Ansatz, die Fußballkultur zu nutzen, um die gegenseitigen Vorstellungen von Polen und Deutschland sowie die gesellschaftlichen Veränderungen auf beiden Seiten der Grenze zu beleuchten. Der Autor beschreibt nicht nur die polnische Fanszene, sondern hinterfragt auch kritisch die deutsche Faszination für den „wilden Osten“. Dabei zeigt er, wie das Stereotyp eines exotischen, gewalttätigen Polens mit dem Bild eines modernen Landes kollidiert, das den westlichen Fantasien immer weniger entspricht.

2. Die Radioreportage „W ukryciu“ („Im Verborgenen“) von Hanna Bogoryja-Zakrzewska und Adam Bogoryja-Zakrzewski, entstanden in Zusammenarbeit zwischen dem Reportagestudio des Polnischen Rundfunks und der Kreativinitiative Torba Reportera i Podcastera

„W ukryciu“ ist eine eindringliche Reportage über Polinnen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch im Ausland entscheiden, sowie über Ärzte in Polen, die aus Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen einen Eingriff verweigern oder die Entscheidung darüber hinauszögern. Die Reportage weist einen deutlichen deutsch-polnischen Bezug auf: Sie zeigt, wie das restriktive polnische Recht und die medizinische Praxis Frauen dazu drängen, in einem Krankenhaus im deutschen Prenzlau Hilfe zu suchen – trotz Sprachbarrieren, finanzieller Belastungen und psychischer Anspannung.

Nach Ansicht der Jury ist „W ukryciu“ eine absolut fesselnde, relevante Reportage, die den Menschen besonders nahegeht. Sie funktioniert perfekt als Audio-Stück: das verschämte Flüstern in der Klinik, die brüchigen Stimmen der Frauen, ihre Tränen. Eine zutiefst bewegende Reportage.

3. Die Reportage „Der letzte SS-Wachmann“ von Johannes Böhme, veröffentlicht in „Die Zeit“, mit Fotografien von Robin Hinsch

Eine herausragende historische Reportage, die die Lebensgeschichten des deutschen Wachmanns im Konzentrationslager Sachsenhausen, Gregor Formanek, und des polnischen Überlebenden Jerzy Zawadzki miteinander verknüpft. Der Autor rekonstruiert mit großer Präzision die Biografien der Protagonisten sowie die Umstände eines der letzten Strafverfahren gegen Täter nationalsozialistischer Verbrechen.

Nach Einschätzung der Jury liegt die Stärke des Textes in der Verbindung von sorgfältiger Recherche, hoher literarischer Qualität und Subtilität der Beschreibung moralisch besonders schwierigen Fragen. Die Reportage wirft die wichtigen Fragen auf, wo die Grenzen der deutschen Aufarbeitung des Nationalsozialismus liegen und welche Bedeutung Gerechtigkeit hat, wenn sieerst viele Jahrzehnte später erfolgt. Die polnische und die deutsche Perspektive begegnen sich hier auf organische Weise und dienen nicht lediglich als historischer Hintergrund.

4. Der Artikel „W programie Tuckera Carlsona można usłyszeć, że Ameryka w II wojnie powinna przyłączyć się do Hitlera” („In der Sendung von Tucker Carlson kann man hören, dass sich Amerika im Zweiten Weltkrieg Hitler hätte anschließen sollen“) von Mateusz Mazzini, erschienen in der Beilage „Ale Historia“ der Wochenendausgabe der „Gazeta Wyborcza“

Der Artikel beschreibt die Normalisierung des Nationalsozialismus in Kreisen der heutigen amerikanischen rechtsreaktionären Rechten. Anhand konkreter Beispiele zeigt er, wie der Zerfall traditioneller Medienstrukturen, die wachsende Bedeutung von Online-Content-Creators und die Individualisierung moralischer Maßstäbe dazu beitragen, Grenzen zu verwischen und Geschichtsrevisionismus zu fördern.

Die Jury würdigte die Einbettung der deutsch-polnischen Thematik in einen breiteren globalen Kontext. Die Veröffentlichung zeigt, dass die Darstellung des Zweiten Weltkriegs in der amerikanischen öffentlichen Debatte nicht nur für die polnische und deutsche Erinnerungskultur, sondern auch für die europäische von Bedeutung ist. Sie ermöglicht es, die Erfahrungen unserer beiden Länder in einem größeren internationalen Zusammenhang von Debatten, Einflüssen und politischen Interessenkonflikten zu betrachten. Die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln und scheinbar weit voneinander entfernte Entwicklungen miteinander zu verbinden, zählt nach Ansicht der Jury zu den wichtigsten Stärken von Mazzinis Text.

5. Die Sonderbeilage der „Tygodnik Powszechny“ (Nr. 46/2025) mit dem Titel „Orędzie pojednania 60 lat później” („Die Botschaft der Versöhnung – 60 Jahre später“), eine Gemeinschaftsarbeit unter der Redaktion von Wojciech Pięciak

Ein wertvolles journalistisches Projekt, das an eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der deutsch-polnischen Versöhnung erinnert. Nach Ansicht der Jury liegt seine besondere Stärke darin, den Brief der polnischen Bischöfe aus dem Jahr 1965 nicht nur als religiösen und moralischen Akt, sondern auch als Geste mit weitreichenden politischen Folgen darzustellen.

Die Veröffentlichung macht deutlich, dass Versöhnung das Ergebnis des Mutes einzelner Menschen, jahrelanger Arbeit und der Überzeugung war, dass eine Verständigung mit Deutschland auch im polnischen Interesse liegt. Sie verbindet die historische Perspektive mit der aktuellen Frage nach der Beständigkeit dieses Erbes.

Obwohl es sich um eine Gemeinschaftsarbeit handelt, verdienen das schlüssige redaktionelle Konzept und der hohe Bildungswert des gesamten Projekts besondere Anerkennung – insbesondere jetzt, wo die Erinnerung an die Grundlagen der deutsch-polnischen Versöhnung verblasst.


Im Wettbewerb werden ein Hauptpreis und bis zu vier Auszeichnungen vergeben.

Im Jahr 2026 wird die Preisträgerin bzw. der Preisträger des Tadeusz-Mazowiecki-Medienpreises im Rahmen der Feierlichkeiten zum 35-jährigen Bestehen der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit am 27. November im Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN bekannt gegeben.

Die Jury des Tadeusz-Mazowiecki-Medienpreises besteht aus Journalistinnen und Journalisten sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Deutschland und Polen: Dr. Peter Frey, Grzegorz Gauden, Basil Kerski, Dr. Olaf Kühl, Magdalena Parys, Kaja Puto, Paweł Reszka, Emilia Smechowski. Die Vorsitzende der Jury ist Dr. Dominika Kozłowska, Mitglied des Vorstands der SdpZ.

Stifterin des Tadeusz-Mazowiecki-Medienpreises ist die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. Partner des Tadeusz-Mazowiecki-Medienpreises ist die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS.

Mehr zum Tadeusz-Mazowiecki-Medienpreis: https://sdpz.org/tadeusz-mazowiecki-medienpreis/