Elvis, Krieg, Tomate – ein Katalysator für die deutsch-polnische Verständigung?

Joanna Dziewońska und Julia Woszczek | „Literatur als Katalysator für Verständigung…“ Das Thema der Podiumsdiskussion auf dem diesjährigen Deutsch-Polnischen Forum versprach viel. Es kündigte ein Gespräch über die Rolle von Schriftstellern und Schriftstellerinnen beim Gestalten des historischen und kulturellen Bewusstseins sowie die moralische Verantwortung von Kunstschaffenden. Leider blieb es bei den in der Agenda angekündigten Versprechen.

Kann Literatur zu einem Katalysator der Verständigung zwischen Völkern werden? Kann sich die Kraft des geschriebenen Wortes als ausreichend erweisen, um weltanschauliche Unterschiede zu überwinden? Kann sie trotz nachhallender schwieriger Vergangenheit eine Zusammenarbeit ermöglichen? Die Podiumsdiskussion zum Thema Kultur im Rahmen des Deutsch-Polnischen Forums versprach, Antworten auf diese Fragen zu suchen. Die Fragen waren vielleicht schwierig, mit Sicherheit problematisch… Aber dennoch enorm wichtig. Die Diskussion brachte jedoch kein zufriedenstellendes Fazit, und den Teilnehmenden blieb nichts anderes übrig, als selbst nach Antworten zu suchen.

Shelly Kupferberg, Journalistin, Moderatorin und Publizistin, sprach mit den Schriftstellern Jul Łyskawa und Marius Goldhorn, über das Buch Prawdziwa historia Jeffreya Watersa i jego ojców („Die wahre Geschichte von Jeffrey Waters und seinen Vätern“), die Jul Łyskawa zahlreiche Preise einbrachte, u.a. „Paszport Polityki“ sowie den Literaturpreis der Stadt Warschau, und über Marius‘ Goldhorns – ebenfalls preisgekrönten – Roman Die Prozesse. Entgegen dem Thema der Veranstaltung distanzierten sich die Autoren entschieden davon, über Identität sprechen oder auf Traditionen – seien es auch nur literarische – Bezug zu nehmen zu wollen. Stattdessen hoben beide Schriftsteller den Universalismus hervor. In unserer Wahrnehmung mochte dieser vordergründig und eher oberflächlich erscheinen, jedoch wurde er von den Autoren als die Grundlage des literarischen Schaffens wahrgenommen. Es ist nämlich schwer zu glauben, dass die Verlegung des Handlungsschauplatzes in die USA oder die Wahl einer – nicht allzu fernen – Zukunft als Hintergrund für die Ereignisse ausreicht, damit die ganze Aussage des Buches universell wird und der Leser das Buch als ein Werk wahrnimmt, das von jeglichen Kontexten – ob nun politischer, historischer oder gesellschaftlicher Natur – losgelöst ist.

Jul Łyskawa erklärte dazu Folgendes: „Mich interessierte nicht das Schicksal eines Polen, Amerikaners, Deutschen oder Jamaikaners, (…) im Hintergrund gibt es keine graue polnische Realität oder Aufarbeitung der deutschen Besatzungszeit, (…) wenn im Hintergrund Elvis auf der Bühne tanzt, dann ist das genau mein Ding.“ Es scheint, als habe der Autor mit Universalität im Grunde Neutralität gemeint. Er wollte, dass sein Roman, der in einer unscheinbaren amerikanischen Kleinstadt spielt und dessen Hauptprotagonisten Holzfäller sind, dieses Kriterium erfüllt. Da stellt sich jedoch die Frage, ob das Ziel der Literatur in einer fassadenhaften Erzählung über eine bunte, aus dem Kontext gerissene Realität besteht? Viele Biografien, Ereignisse, sogar solche aus der Popkultur, haben einen doppelten Sinn und ohne die Versuche, diesen aufzudecken, beschränken wir uns nur darauf, was auf den ersten Blick zu sehen ist. Die Aufgabe des Schriftstellers besteht darin, den Lesern einen Einblick in scheinbar eindeutige Geschichten zu gewähren und Interpretationspfade vor ihm auszubreiten, in ihm den Wunsch zu wecken, das Thema zu vertiefen. Vielleicht legte der tanzende Elvis hinter der Bühne seine Maske ab? Das interessiert Jul Łyskawa jedoch nicht, es scheint, als hätten sich in seinem Kommentar das Universelle ein wenig mit politischer Nichtbeteiligung und der Loslösung von Kontexten vermischt. Marius Goldhorn dagegen gab zu, dass er sein Interesse an der Landeskunde verloren habe. Der aus Westdeutschland stammende Schriftsteller berichtete, sein Vater habe der 1968-Generation angehört, führte das jedoch nicht weiter aus. Nach seiner Überzeugung sei die Wut junger Menschen unwiderruflich vorbei, und die Geschichte, die über vier Generationen weitergegeben werde, für ihn nicht mehr so lebendig, wie für seine Eltern oder Großeltern.

Besonders nachdenklich stimmt auch, dass beide eingeladenen Schriftsteller eine ähnliche Abneigung gegen ein Gespräch über Geschichte und Identitätsfragen äußerten. In Łyskawas Debütroman äußerte sich das im Loslösen der Handlung vom polnischen Kulturkreis zugunsten der Vereinigten Staaten, und in Goldhorns Buch in der Verlegung der Handlung in die Zukunft, was den Eindruck von Ahistorizität und – erneut – von Universalismus vermitteln sollte.

Die Auseinandersetzung mit dem Krieg beschränkte sich in den Aussagen der beiden Schriftsteller auf das Aufgreifen von Stereotypen. Jul Łyskawa, Jahrgang 1984, erwähnte das Trauma seiner Großeltern, die sich an die deutsche Besatzung erinnern würden. Bei ihnen zu Hause sei zu Weihnachten niemals Stille Nacht gesungen worden, weil man es viel zu sehr mit dem deutschen Original assoziierte. Die Großmutter habe immer Angst bekommen, wenn sie die deutsche Sprache hörte. Die Podiumsdiskussion, bei der wir eigentlich die Ebene der kulturellen deutsch-polnischen Verständigung zu finden und zu benennen versuchten, bot im Grunde genommen einen guten Anlass, auf die Lagerliteratur und die Erinnerungen von Zeitzeugen jener Ereignisse einzugehen. Vielleicht wäre es gelungen, eine Erfahrungsgemeinschaft der Zivilbevölkerung und Menschen zu finden, denen der Krieg Schmerz und Leid gebracht hat. Nicht nur auf polnischer Seite. Leider hat auch Marius Goldhorn das schwierige Thema nicht aufgenommen, er hat es geradezu ignoriert. Von ihm kam die Äußerung, dass Deutsche es „lernen sollten, über ihre Lächerlichkeit und Seltsamkeit zu lachen“. Die Waagschale des Gesprächs verschob sich noch stärker in Richtung Stereotypen, da Jul Łyskawa es sich nicht nehmen ließ, diese zu zitieren: „Es gibt Polen, die der Meinung sind, dass alle Deutschen Faschisten sind, natürlich genauso wie es Deutsche gibt, die der Meinung sind, dass alle Polen Diebe seien“. Die überflüssige Verfestigung solcher Messages scheint besonders unangebracht im Rahmen des Deutsch-Polnischen Forums für Zusammenarbeit, bei dem sich 700 Menschen versammelt hatten, um darüber zu sprechen, was uns verbindet, und nicht darüber, was uns trennt.

Es fehlte an Themen, die einen direkten Bezug zum Thema der Podiumsdiskussion gehabt hätten. Dabei hätte es Chancen dafür gegeben, und das nicht nur einmal! Das interessante Motiv des Archivs, das in Marius Goldhorns Buch Die Prozesse zur Sprache kam, hätte mit Leichtigkeit zum Ausgangspunkt für ein Gespräch über den Einfluss von Geschichte – und damit auch von Erinnerung – auf die uns umgebende Realität werden können. Leider nahmen die Podiumsteilnehmer das Thema nicht auf, was den Eindruck verschwendeten Potenzials hinterließ. Es gab übrigens noch viel mehr Themen, die angestoßen und dann wieder fallengelassen wurden. Da könnte man beispielsweise die Frage der Befreiung des Kongo nennen, die – wie Goldhorn zugab – eine wesentliche Rolle in seinem Roman spielt. Doch damit endete das Gespräch, obwohl das Motiv doch Möglichkeiten geboten hätte, die Diskussion auf die koloniale Vergangenheit europäischer Länder auszuweiten. Postkoloniale Aufarbeitung hätte hervorragend zu den Thesen der Podiumsdiskussion gepasst.

Anlass für eine – zumindest anfangs – interessante Diskussion brachte auch das Thema Übersetzungen. Jul Łyskawa sprach mit Bewunderung von den Übersetzern und dem unschätzbaren Wert ihrer Arbeit, unterstrich auch ihren Beitrag als Autoren in die Arbeit an der Übersetzung. Diese Äußerung hätte auch als Ausgangspunkt für eine Diskussion über kulturelle Übersetzung und Strategien der Adaption in der Übertragung literarischer Werke dienen können. Zumal die Veröffentlichung des Romans Prawdziwa historia Jeffreya Watersa i jego ojców ins Deutsche geplant ist. Doch das am Ende der Podiumsdiskussion angesprochene Thema fiel so schnell herab, wie Ikarus auf dem Bild von Bruegel. Jul Łyskawa kommentierte das ganze Thema mit den Worten „Props für die Übersetzer“.

Bei einer Diskussion über Literatur durfte natürlich auch ein Hinweis auf die polnische Nobelpreisträgerin nicht fehlen. Der Vertreter der jungen Generation polnischer Schriftsteller auf dem Deutsch-Polnischen Forum antwortete, als er nach Olga Tokarczuk gefragt wurde: „Tomate“, wie in dem Kinderspiel, bei dem man auf jede Frage nur „Tomate“ antworten muss, ohne zu lachen oder sich aus der Fassung bringen zu lassen. Er räumte ein, dass es nicht einfach sei, den Titel Nobelpreisträgerin zu tragen, und würdigte ihre „Jakobsbücher“. Die Teilnehmenden, die sich für das Literaturpanel entschieden haben, durften eine konstruktive Meinung z.B. zu den Büchern der Schriftstellerin erwarten, über die nicht nur in den polnischen, sondern auch in den ausländischen Medien sehr viel berichtet wird. Der deutsche Autor erklärte seine Vorliebe für polnische Science-Fiction-Literatur, darunter auch für Stanisław Lem. Leider führte er seine Äußerung nicht weiter aus.

Die Podiumsdiskussion endete mit der Frage nach der gesellschaftlichen Rolle der Literatur in der heutigen Welt und einer recht pessimistischen Reflexion. „Die Literatur hat nicht genügend Wirkungskraft, um etwas zu verändern“, stellte Jul Łyskawa fest. Obwohl sie nicht ephemer sei und Bestand habe – ähnlich wie das Wissen im bereits erwähnten Archiv –, sei sie heute trotzdem nicht so wirkungsmächtig beim Aktivieren ihrer Leser, wie beispielsweise das Internet. Trotz optimistischer Akzente, wie dem von den Autoren zum Ausdruck gebrachten Glauben an zumindest eine indirekte Kraft der Literatur, an ihre Wirkung vielleicht nicht auf das ganze Volk, sondern auf Einzelne, konnte man sich nicht der Enttäuschung erwehren, dass die Vertreter der jungen Schriftstellergeneration den Eindruck erweckten, als würden sie nicht die Möglichkeiten wahrnehmen, die das geschriebene Wort bietet. Möglichkeiten, dank derer die Literatur erneut an Kraft gewinnen könnte, um – woran Łyskawa zweifelt – „etwas zu verändern“.

Am 17. Juni 2026 fand im Auswärtigen Amt das Deutsch-Polnische Forum statt. Die Gespräche zwischen Vertretern der Regierungen und öffentlicher Einrichtungen beider Länder standen ganz im Zeichen der Feierlichkeiten zum 35. Jahrestag der Ratifizierung des Vertrags über gute Nachbarschaft. Während des Forums hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, an der Podiumsdiskussion „KULTUR | Literatur als Katalysator für Verständigung“ teilzunehmen. Die Veranstaltung wurde von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit organisiert.