Wie
ist aus dem 16-Stundentag der 8-Stundentag geworden? Wie sind Kranken- und
Rentenversicherungen für Angestellte entstanden? Wie kam es dazu, dass Kinder
unterrichtet werden, statt gute zehn Stunden in einer Fabrik zu schuften? Diese
Fragen beantwortet die Ausstellung „In die Zukunft gedacht – Bilder und
Dokumente der deutschen Sozialgeschichte“, die bis zum 29. September im
Collegium Polonicum in Słubice zu sehen ist.
Die Ausstellung
beschreibt nicht nur den sozialen Weg, den Deutschland gegangen ist, sondern
stellt auch wichtige Fragen zur Zukunft. Bedeutet die Übernahme von „Drecksarbeit“
durch Maschinen für uns eine Befreiung oder ist sie auf lange Sicht eine
Bedrohung? Wo verläuft in Fragen Gesundheit die Grenze zwischen individueller und
gesellschaftlicher Verantwortung? Und schlussendlich das Thema Bildungsparadox,
das ein gefährliches Wettrennen bedeute: Wir haben unendliche
Entwicklungsmöglichkeiten, weshalb wir alles tun, damit wir nicht hinter dem
Rest zurückbleiben. Obwohl sie die Geschichte nur eines Staates darstellt,
zeigt die Ausstellung etwas Universelles, nämlich den Übergang vom Sklaven zum
Mitarbeiter.
Vom der
Gleichgültigkeit des Mittelalters zur gegenwärtigen Fürsorge
Der Rundgang beginnt mit der in Stände geteilten
mittelalterlichen Gesellschaft. Damals wurden Kranke, Alte und Witwen in keiner
Weise vom Staat unterstützt und konnten lediglich überleben, weil sie
bettelten. Anders verhielt sich die Kirche. Martin Luther brachte mit dem
„gemeinsamen Kasten“ die Reichen dazu, sich um die Ärmsten zu kümmern.
Dann geht es weiter durch die Epoche der
Industrialisierung vom 19. zum 20. Jahrhundert. Um überleben zu können, musste
die ganze Familie arbeiten. Die Älteren bis zu 16 Stunden täglich, die jüngeren
im Alter von 9-14 Jahre „nur“ 12 Stunden. Leistungen im Falle von Krankheit,
Invalidität und Unfällen sowie Renten für Arbeiter wurden erst im Jahr 1911 mit
der Reichsversicherungsordnung eingeführt.
Zum Schluss des Rundganges werden die Grausamkeiten
thematisiert, die die Weltkriege mit sich brachten, und auch die Wiedergutmachungsversuche.
Zuerst wurde die militärische Mobilisierung über das Wohl der Gesellschaft
gestellt, dann wandte sich der Staat von den Kriegsinvaliden und Veteranen ab,
die auf den Arbeitsmarkt zurückkehren wollten. Nach den Kriegen aber kam es zu
einem Wirtschaftsaufschwung und die Gesellschaft wurde für die ihr zugefügten
Leiden mit einer Anhebung der Sozialleistungen entschädigt. Dies war auch ein
schlauer Schachzug, um sich Wählerstimmen zu sichern. Im Jahr 1982 betragen die
Sozialleistungen bereits 33 Prozent des Bruttosozialproduktes der
Bundesrepublik Deutschland, deshalb führt die neue, liberal-konservative
Regierungskoalition Veränderungen unter dem Motto „mehr Markt, weniger Staat“
durch.
Die
ewige Sozialdebatte
Die Ausstellung „In die Zukunft gedacht“ ist
phantastisch nicht nur wegen der Beschreibung eines ungewöhnlichen sozialen
Weges, den Deutschland gegangen ist, sondern auch aus visuellen Gründen. In
Erinnerung bleiben Holzschnitte und Fotos, von den niederdrückenden Bildern,
die Kinder darstellen, die auf Märkten aufgrund ihrer kleinen Hände zur
Textilarbeit ausgewählt werden, über Karikaturen von seelenlosen Arbeitern, die
nach Herzenslust ausgebeutet werden können, bis hin zu optimistischen Bildern,
wie zum Beispiel die Darstellung des millionsten Gastarbeiters, der 1964 als
Willkommensgeschenk ein Moped erhielt.
Die Debatte zu Sozialrechten hat kein Ende. Einst
kämpften Arbeiter darum, dass ihre Kinder nicht 12 Stunden täglich, sechs Tage
die Woche arbeiten mussten, und sie selbst versichert sind. Heute wird darüber
diskutiert, wie älteren und behinderten Menschen auf dem Arbeitsmarkt mehr
Aktivität ermöglicht werden kann. Die Ausstellung macht dem Besucher bewusst,
dass es immer jemanden gibt, für dessen Rechte gekämpft werden muss.
Mariusz Bartodziej