Die Geschichte spielt
in den deutsch-polnischen Beziehungen nach wie vor eine sehr wichtige Rolle. In
den polnischen Einschätzungen zu Deutschland ist die politische Polarisierung
deutlich sichtbar, so das soeben veröffentlichte Deutsch-Polnische Barometer
2020.
Fast ein Drittel aller Assoziationen der Polen zu
Deutschland sind mit dem Thema Krieg verbunden (30%). Stichworte, wonach sich
Deutschland durch eine starke Wirtschaft und Wohlstand auszeichnet, machen 14
Prozent der polnischen Assoziationen aus; acht Prozent beziehen sich auf
Kultur, Tourismus und Sprache. Mit letzteren Bereichen sind wiederum auf
deutscher Seite mit Blick auf Polen die meisten Assoziationen verknüpft (29%);
mit Geschichte verbundene Assoziationen machen demgegenüber einen Anteil von
sieben Prozent aus. „Es ist sehr erfreulich, dass Polen für Deutsche immer mehr
ein attraktives Land für Touristen wird, verbunden mit schönen Orten und
Erholung“, kommentiert das Ergebnis Dr. Agnieszka Łada vom Deutschen
Polen-Institut, die Ko-Autorin der Untersuchung. „Auf polnischer Seite hingegen
gibt es eine deutliche Zunahme emotionaler Assoziationen, die mit dem
schwierigsten Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte verbunden sind – seit 2016
ist der Anteil dieser Assoziationen von 21 Prozent gestiegen. Die Polen denken zudem
immer seltener an Deutschland als ein Land mit einem höheren Lebens- und
Entwicklungsstandard“, so Łada.
Die Untersuchungen in der Serie Deutsch-Polnisches
Barometer werden vom Institut für Öffentliche Angelegenheiten und der
Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen, in diesem Jahr auch in Kooperation mit dem
Deutschen Polen-Institut und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit,
seit inzwischen 20 Jahren durchgeführt, was erlaubt, die längerfristige Dynamik
der Veränderungen im gegenseitigen Bild von Polen und Deutschen zu beobachten.
Bisher ist das Image Deutschlands insbesondere in Polen gut und hat sich
verbessert. Seit 2018 ist der Anteil an positiven Meinungen zur deutschen
Wirtschaft oder des Funktionierens des deutschen Staates in Polen aber
zurückgegangen, doch ist im gleichen Zeitraum kein Anstieg der negativen
Bewertungen zu verzeichnen. Vielmehr nehmen mehr Polen eine ambivalente Haltung
ein. „Gleichzeitig ist das Deutschlandbild der Polen positiver als das Bild vom
eigenen Land. Betreffend diese zweite Frage zeigen sich die Polen in ihrer
Meinung sehr gespalten und richten sich stark an ihren politischen Präferenzen
aus. Bewertungen von Anhängern der Regierungspartei, der PiS, unterscheiden
sich deutlich von Einschätzungen der Anhänger des Oppositionslagers, vor allem solcher
der Bürgerkoalition (Koalicja Obywatelska, KO). Erstere haben zu Deutschland
und dessen Politik eine generell negativere Einstellung“, beschreibt die
Ergebnisse Dr. Jacek Kucharczyk vom Institut für Öffentliche Angelegenheiten,
Ko-Autor der Studie. „Die deutschen Befragten bewerten das Land Polen positiver
als noch im Jahr 2018 – damals waren die positiven Bewertungen rückläufig, aber
immer noch hat die Hälfte der Deutschen keine bzw. eine ambivalente Meinung zu
Polen; so antworten sie etwa auf Fragen zum demokratischen Regierungssystem, zu
freien Medien, Korruption oder Bürokratie mit ´weder ja noch nein´. Die
Einschätzungen zum eigenen Land hingegen fallen auf Seiten der Deutschen
überwiegend positiv aus“, so Kucharczyk.
Die deutsch-polnischen Beziehungen werden von 55 Prozent
der Deutschen und 72 Prozent der Polen als gut erachtet, von 25 Prozent bzw. 14
Prozent hingegen als schlecht. Auf polnischer Seite bedeutet dies eine
Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr. Die deutschen Bewertungen bleiben mit
der Verschlechterung um fünf Prozentpunkte demgegenüber relativ stabil,
allerdings bei einem sichtbaren Anstieg des Anteils der Unentschiedenen –
dieser beläuft sich mittlerweile auf 20 Prozent.
„Diesmal fragten wir, was die Befragten im Sinn hatten,
als sie das Verhältnis als ‚gut‘ oder ’schlecht‘ bewerteten“, sagt Łada:
„Es stellte sich heraus, dass diejenigen Befragten, die den Zustand der
deutsch-polnischen Beziehungen positiv einschätzen, hauptsächlich auf wirtschaftliche
Interessen verweisen – 40 Prozent der Polen bzw. 51 Prozent der Deutschen, an
zweiter Stelle auf die Maßnahmen der eigenen Regierung – 29 Prozent der Polen
bzw. 23 Prozent der Deutschen. Von denjenigen Befragten, die die
deutsch-polnischen Beziehungen in einem schlechten Zustand sehen, macht der
größte Teil für diesen Umstand die polnische Regierung verantwortlich – unter
Polen 40 Prozent, unter Deutschen 36 Prozent. Als zweite Ursache nennen die
Befragten unterschiedliche wirtschaftliche Interessen (30% bzw. 31%).“
Mehrheitlich sind Polen und Deutsche (52% bzw. 66%) der
Ansicht, dass man sich in den deutsch-polnischen Beziehungen vor allem auf die
Gegenwart und Zukunft konzentrieren sollte – wobei der Anteil der polnischen
Befragten diesbezüglich seit Jahren kontinuierlich sinkt (2011: 73%, 2018:
60%). Heute vertreten bereits 36 Prozent der Polen den Standpunkt, man sollte
sich in den Beziehungen vor allem auf die Vergangenheit konzentrieren. Auf der
deutschen Seite ist die Veränderung geringer. Der Prozentsatz der Befragten,
die es vorziehen, sich in ihren gegenseitigen Beziehungen zuerst mit der
Gegenwart und Zukunft auseinanderzusetzen, ist um vier Prozentpunkte gesunken,
während der Prozentsatz derjenigen, die sich für die Vergangenheit entscheiden,
um sechs Prozentpunkte gestiegen ist.
Große Unterschiede zwischen Deutschen und Polen gibt es
nach wie vor in der Einschätzung zur Frage, ob das Leid und die Opfer, welche
die Polen im Laufe der Geschichte erbracht haben, bisher international
ausreichend anerkannt wurden. Die Hälfte der befragten Polen (50%) ist der
Ansicht, dass dem nicht so ist, während über die Hälfte der Deutschen (56%) meint,
dass dies bereits geschehen sei.
„Nach wie vor zeigt die Barometer-Studie, was für eine
große Bedeutung die Tatsache spielt, ob man schon in dem Nachbarland war“, meint
Łada. „Personen, die einmal das Nachbarland besucht haben, haben für gewöhnlich
eine bessere Meinung von diesem als solche, die noch nie dorthin gereist sind. Das
gilt viel stärker für die deutschen Befragten. Um die gegenseitige Wahrnehmung
zu verbessern, lohnt es sich also, in gegenseitige Besuche zu investieren“, so
die Empfehlung der Autoren.
Die Präsentation der Ergebnisse fand am 3. Juni 2020 in
Form einer Online-Veranstaltung auf facebook.com/deutschespoleninstitut statt.
Vollständige Ergebnisse: https://bit.ly/BarometerDE_PL
Jacek Kucharczyk, Agnieszka Łada, Nachbarschaft mit
Geschichte: Blicke über Grenzen, Deutsch-Polnisches Barometer 2020, Institut
für Öffentliche Angelegenheiten/Konrad-Adenauer-Stiftung/Deutsches
Polen-Institut, Warschau/Darmstadt 2020
Die
Umfragen in Deutschland und in Polen wurden im Auftrag des Instituts für
öffentliche Angelegenheiten, der Konrad-Adenauer-Stiftung, des Deutschen
Polen-Instituts und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit
durchgeführt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dieser Umfrage wurden in
Form von Face-to-Face-Interviews in ihrer häuslichen Umgebung befragt. In Polen
wurde eine repräsentative Gruppe von 1000 erwachsenen Einwohnern älter als 15
Jahre in der Zeit zwischen dem 21. und
26. Februar 2020 von KANTAR PUBLIC befragt; in Deutschland umfasste die
repräsentative Stichprobe 1000 erwachsene Einwohner älter als 14 Jahre, die von
IPSOS in den Tagen zwischen dem 17. und 23. Februar 2020 befragt wurden.