Transnationale Narrative

Julia Szymikowska | Gibt es einen Weg, ein Lehrbuch zu erstellen, das sich auf das Prinzip der Pluralität von Perspektiven bei strittigen Fragen zwischen Nachbarvölkern stützt? Können Publikationen, die von internationalen Historikerteams verfasst werden, den Horizont der Schüler erweitern? Diese Frage wurde von den Referenten während der Podiumsdiskussion zum Thema historische Bildung im Rahmen des Deutsch-Polnischen Forums eingehend analysiert.

Nach Ansicht von Eckhardt Fuchs, dem Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsmedien, stellen Geschichtsschulbücher eine Institution der gesellschaftlichen Bestätigung dar – durch die Vervielfältigung allgemein akzeptierter Narrative lebten die Völker in der Überzeugung, dass die Vergangenheit zuverlässig und kritisch dargestellt werde. Das Subjektive werde als objektiv anerkannt. Bis heute könne man in den Lehrplänen eine Marginalisierung oder Hegemonie ausgewählter Themen feststellen, wodurch junge Generationen Geschichte nur bruchstückhaft und ohne breiteren Kontext lernen oder aber nicht in der Lage sind, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu berücksichtigen. Das Problem der Bildung in diesem Bereich hat internationalen Charakter, weshalb die Außenministerien Polens und Deutschlands ein politisches Projekt ins Leben gerufen haben, das zur Veröffentlichung einer gemeinsamen Schulbuchreihe geführt hat.

Die Arbeiten am Lehrbuch Europa. Unsere Geschichte begannen im Jahr 2008, der erste Band erschien jedoch erst 2017. Seitdem wurden etwa 30.000 Exemplare aller vier Bände verkauft. In Polen stieß das Werk nicht gerade auf begeisterte Resonanz, und in Deutschland wurde es nicht für den bayerischen Lehrplan zugelassen. Von vornherein sollte – wie Prof. Violetta Julkowska, die Co-Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, erklärte – die gemeinsam von deutschen und polnischen Historikern erarbeitete Publikation den Kindern die Fähigkeit zur Analyse und Interpretation vermitteln. Der Inhalt des Schulbuchs liefere keine eindeutige Bewertung der Ereignisse, was die Lesenden dazu zwinge, die Fähigkeit zum kritischen Denken zu entwickeln. In einer von Künstlicher Intelligenz dominierten Zeit, in der die meisten von uns einfache und schnelle Antworten auf die uns beschäftigenden Fragen erwarten, gehe die Fähigkeit, selbstständig Schlussfolgerungen zu ziehen, verloren. Die deutsch-polnische Initiative inspirierte die Regierungen der Balkanstaaten dazu, ein ähnliches Werk zur Geschichte der Staaten des ehemaligen Jugoslawiens zu erstellen – die Forscher wurden gebeten, sich vor allem mit dem Thema des Holocausts auf dem Balkan auseinanderzusetzen. Die Publikation hat jedoch nicht den Status eines traditionellen Schulbuchs, da sie aus einer zivilgesellschaftlichen Initiative hervorgegangen ist, von gemeinnützigen Organisationen finanziert wurde und die Lehrpläne der Staaten der Region nicht vollständig berücksichtige.

Die deutsch-polnischen Schulbücher sind keine Pionierinitiative im Bereich der transnationalen Geschichtsbildung. Im Jahr 2006 erschien der erste Band eines deutsch-französischen Schulbuchs. Beide Publikationen waren zweifellos eine große Hilfe sowohl für die Forscher, die das Balkan-Pendant erarbeitet haben, als auch für die Mitglieder des Forschungsprojekts „Transnationale Geschichte unterrichten: Deutschland – Polen – Ukraine. Gemeinsame Schulbuchprojekte im Kontext des gesellschaftlichen Wandels nach Beginn der Invasion Russlands in der Ukraine 2022“, das von Tomasz Stryjek geleitet wird. Der Wissenschaftler wies in seiner Stellungnahme auf die Schwierigkeiten hin, mit denen das gesamte Team konfrontiert sei. Trotz der reichen, fast tausendjährigen gemeinsamen Geschichte Polens und der Ukraine bleibe der kurze Zeitraum des Zweiten Weltkriegs ein Streitpunkt unter Historikern. Laut Stryjek habe sich im Laufe der Jahre noch immer kein idealer Zeitpunkt für die Erstellung eines gemeinsamen Schulbuchs ergeben, und die Beziehungen würden durch die unterschiedliche Darstellung grundlegender Fakten nicht gerade besser werden. Zwischen den Nachbarländern komme es zu einer Störung der Kooperationsdynamik – die Ukraine beginne, sich in der Europäischen Union eine eigene Stimme zu verschaffen, während bis vor kurzem noch Polen als Vermittler zwischen Brüssel und Kiew fungierte. Was die historischen Quellen angehe, sei Polen unangefochten führend und verfüge über die weltweit größte Datenbank, die vom Institut für Nationales Gedenken aufgebaut wurde, während die Ukraine noch dabei ist, entsprechende Strukturen aufzubauen.

Internationale Initiativen europäischer Historiker zielen in erster Linie darauf ab, Kompromisse zu finden, Beziehungen aufzubauen und Brücken der Verständigung zwischen den Gesellschaften zu schlagen, die mit Stereotypen genährt werden. Nach Ansicht von Prof. Fuchs sind Vorhaben dieser Art Ausdruck einer engen Zusammenarbeit benachbarter Länder, die vor dem Hintergrund der globalen Ereignisse der vergangenen Monate einen Lichtblick darstelle.

Die Veranstaltung zum Thema Geschichtsunterricht fand am 17. Juni 2026 statt. An der Debatte nahmen Eckhardt Fuchs, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsmedien, Violetta Julkowska, Ko-Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, Igor Kąkolewski, Direktor des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin; Verena Laubinger, Mitglied des Präsidiums der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission der Historiker und Geographen; Steffen Sammler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Bildungsmedien; Tomasz Stryjek, Leiter des Forschungsprojekts „Transnationale Geschichte unterrichten: Deutschland – Polen – Ukraine. Gemeinsame Schulbuchprojekte im Kontext des gesellschaftlichen Wandels nach Beginn der Invasion Russlands in der Ukraine 2022“; Stephan Theilig, Mitglied der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission; Marcin Wiatr, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Bildungsmedien. Die Debatte wurde von Dominik Pick, wissenschaftlicher Sekretär der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, moderiert.

Das Deutsch-Polnische Forum und die dort stattfindenden Podiumsdiskussionen wurden aus Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit finanziert.