Völkergeschichte im Museumsregal

Julia Szymikowska und Joanna Dziewońska | Wie soll man im 21. Jahrhundert von der nicht gerade einfachen deutsch-polnischen Geschichte erzählen? Lässt sich ein Gleichgewicht zwischen den Stimmen und Narrativen herstellen, die nicht immer kohärent sind? Ist es möglich, zugleich die Vergangenheit aufzuarbeiten und die zukünftigen Beziehungen zwischen den Völkern zu gestalten? Über die Herausforderungen und Chancen bei der Darstellung von Geschichte in Museumsausstellungen erzählten Experten während der Podiumsdiskussion „Deutsche und Polen in historischen Ausstellungen: Gewichtete Bilder?“ im Rahmen des Deutsch-Polnischen Forums.

In den 1990-er Jahren glaubte Europa an das – von Francis Fukuyama verkündete – Diktat vom Ende der Geschichte. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Polen, dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges schien der Frieden gewissermaßen selbstverständlich – und die liberale Demokratie erschien als das endgültige, Sicherheit garantierende System. Die letzten Jahre haben jedoch gezeigt, dass die heute in Europa herrschende Ordnung nicht ein für alle Mal gegeben ist – was der in der Ukraine stattfindende Krieg, aber auch die verstärkte Aktivität rechtsextremer, populistischer politischer Parteien in vielen Ländern des Kontinents beweisen. Ohne Zusammenarbeit zwischen den Völkern und zumindest dem Versuch, gegenseitig die – oft außergewöhnlich problematische – Geschichte zu verstehen, kann keine Rede vom Gestalten einer stabilen Zukunft sein – was die Experten der Podiumsdiskussion über die Erinnerungskultur „Deutsche und Polen in historischen Ausstellungen: Ausgewogene Bilder? – allesamt Direktorinnen und Direktoren von zentralen und regionalen Museen aus Deutschland und Polen – während des Deutsch-Polnischen Forums betonten.

Die Frage wurde zum Ausgangspunkt eines Gesprächs über die Chancen und Herausforderungen, vor denen die Museumsfachleute stehen, die sich der nicht gerade einfachen Aufgabe der Darstellung deutsch-polnischer Geschichte stellen. Während des ersten Teils der Podiumsdiskussion – die sich mit zentralen Museen befasste – unternahmen die Experten den Versuch, ein Rezept für die Kontroversen zu finden, die mit der potenziellen Rezeption von Ausstellungen zur Geschichte und Erinnerung beider Völker verbunden sind.

Prof. Raphael Gross vom Deutschen Historischen Museum sprach über den Auftrag seiner Institution, nämlich die – mitunter unbequeme – Geschichte Deutschlands im europäischen und globalen Kontext darzustellen, wobei der polnischen Perspektive besondere Aufmerksamkeit geschenkt werde. Dr. Thorsten Smidt schlug seinerseits vor, Geschichte anhand von Augenzeugenberichten zu vermitteln. Das konkreteste Konzept stellte der Direktor des Museums für Polnische Geschichte, Prof. Marcin Napiórkowski, vor. Seiner Meinung nach sollte das Ausbalancieren der deutschen und polnischen Geschichtsdarstellung in Ausstellungen drei Dimensionen umfassen: die Darstellung beider Kulturen aus der Sicht des „Anderen“, die Übergabe der Stimme an Exponate – vor allem solche, die ein Zeugnis von Leid (sowohl gegenüber dem einen als auch dem anderen Volk) sind, sowie die Suche und Entdeckung der – manchmal nicht offensichtlichen – nationalen Identität im Laufe der Jahre.

All diese Vorschläge sollten einen Versuch darstellen, die Probleme im Zusammenhang mit der perspektivischen Betrachtung historischer Beziehungen zu überwinden. Wie Hayden White bereits im 20. Jahrhundert argumentierte, sei Geschichte ein Narrativ, was das Bestreben nach einer objektiven Darstellung der Erinnerung umso utopischer mache. „Unsere Erklärungen zu historischen Strukturen und Prozessen hängen in größerem Maße davon ab, was wir aus ihnen ausklammern, als davon, was in sie einbezogen wird.“[[1]], so White. Auf die Gefahren, die mit einer möglichen ideologischen Wende in historischen Darstellungen zusammenhängen, hat übrigens Prof. Paweł Machcewicz, ehemaliger Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs, hingewiesen und dabei auf die Veränderungen Bezug genommen, die unter dem Einfluss politischer Wechsel in den Ausstellungen vorgenommen wurden.

Im Rahmen der Podiumsdiskussion ergriffen auch die Direktoren von regionalen Museen das Wort. Zu den Gebieten, die besonders stark von den kulturellen Einflüssen beider Nationen geprägt sind, gehören zweifellos Schlesien und Großpolen. Agnieszka Gąsior, Direktorin des Schlesischen Museums in Görlitz, betonte in ihrem Beitrag, wie das deutsch-polnische Zwiegespräch die Museumsmitarbeiter zur Gestaltung einer Dauerausstellung inspiriert habe. Das Museum erzähle die über zweitausendjährige Geschichte der Region; daher legten die Verantwortlichen in der Darstellung Schlesiens vor allem Wert darauf, identitätsstiftende Verbindungen hervorzuheben und darzustellen, anstatt sich auf die Unterteilung der Schlesier in solche deutscher oder polnischer Herkunft zu konzentrieren. Die Ausstellung sei für jeden Bewohner der Grenzregion zugänglich, da die Exponate in beiden Sprachen beschriftet seien. Das Museum sei ein Ort, an dem auch Themen angesprochen werden, die für beide Völker unangenehm sind; so sei es beispielsweise mit einer der erwähnten Folgen des Zweiten Weltkriegs – der Massenumsiedlung der schlesischen Deutschen und der Ansiedlung von Polen aus dem Osten in deren Heimatgebieten.

Ganz anders setzt sich das Museum des Großpolnischen Aufstands 1918–1919 mit der Geschichte der beiden Nachbarvölker auseinander. Sein Direktor Przemysław Terlecki räumte ein, dass ihm erst durch die Kommentare der Besucher bewusst geworden sei, dass die deutsche Frage in der Darstellung des Museums nicht berücksichtigt worden wäre. Im Nachhinein stellte Terlecki fest, dass die Nichtbeachtung der Deutschen ein Fehler gewesen sei, da man doch nicht über die Kämpfe der Polen um ihre Unabhängigkeit sprechen könne, ohne gleichzeitig das Handeln des Volkes zu beschreiben, das Großpolen besetzt hielt.

Die deutsch-polnische Geschichte aus regionaler Perspektive besteht nicht nur aus Narrativen über Konflikte, die sich über Jahrhunderte hinweg zugetragen haben. So thematisiert das Ruhrmuseum in seiner Ausstellung die Arbeitsmigration von Polen nach Deutschland. Ingo Wuttke, Kurator der Einrichtung, betonte, dass Masuren und Schlesier, die bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach Arbeit ins Ruhrgebiet kamen, zur Entwicklung des Industriegebiets beigetragen hätten. Das Museum verfügt über zahlreiche Exponate, die die Präsenz der Polen in der Region belegen und ihre Verbundenheit mit der Kultur und dem Erbe ihrer Heimat verdeutlichen. Heute seien in der Einrichtung Mitarbeiter polnischer Herkunft beschäftigt, die gelegentlich die Möglichkeit haben, neue Exponate zu beschaffen, um die Ausstellung zu bereichern.

Dank ausgewogener Darstellungen und Narrativen, die von Kulturinstitutionen vermittelt werden, haben wir die Möglichkeit, alte Denkmuster zu überwinden, die dem Aufbau von auf Respekt und Vertrauen beruhenden Beziehungen nicht dienlich sind. Eine schwierige und nicht selbstverständliche Aufgabe heutiger Museumsfachleute besteht darin, Räume für Dialog und Versöhnung zu schaffen, indem sie die komplexe und mitunter turbulente Geschichte der Nachbarstaaten sachlich darstellen.

Die Veranstaltung zum Thema Erinnerungskultur fand am 17. Juni 2026 statt. An der Debatte nahmen Marcin Napiórkowski, Direktor des Polnischen Museums; Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums; Thorsten Smidt, Ausstellungsleiter im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland; Paweł Machewicz, ehemaliger Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs; Agnieszka Gąsior, Direktorin des Schlesischen Museums zu Görlitz; Łukasz Gałusek, Direktor des Schlesischen Museums in Katowice; Ingo Wuttke, Kurator des Ruhrmuseums; Przemysław Terlecki, Direktor des Museums der Unabhängigkeit Großpolens mit der Abteilung des Museums des Großpolnischen Aufstands 1918–1919; Robert Parzer, Mitglied des Projektteams „Deutsch-Polnisches Haus“; Robert Kostro, Direktor des Hauptarchivs für Alte Akten, sowie Magdalena Saryusz-Wolska, Direktorin des Deutschen Historischen Instituts. Die Debatte wurde von Rafał Wnuk, dem Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs, und Peter Oliver Loew, dem Direktor des Deutschen Polen-Instituts, moderiert.

Das Deutsch-Polnische Forum und die dort stattfindenden Podiumsdiskussionen wurden aus Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit finanziert.


[1] H. White, Der historische Text als literarisches Kunstwerk, [in:] E. Domańska, M. Wilczyński, Poetik des historischen Schreibens, übersetzt von M. Wilczyński, Krakau 1999.