Władysław Bartoszewski war Vertreter
der Generation Kolumbus[1],
Sohn einer Intellektuellen-Familie, der zu Zeiten der Zweiten Polnischen
Republik im Geiste des Patriotismus und der Opferbereitschaft für ein freies
Polen aufgewachsen war. Diese Erziehung spiegelte sich in seinem Lebenslauf
wieder. Sein Lebensweg begann als 17-jähriger Abiturient. Während der
Belagerung Warschaus im September 1939 meldete er sich als Freiwilliger für den
Zivilschutz der Hauptstadt und diente als „Träger“, transportierte also
Verletzte. Diese unvergesslichen Septembertage bildeten den Ausgangspunkt für
den Władysław Bartoszewski-Dienst: diesen beschrieb sein Freund Jeziorański,
der berühmte Chef des Radiosenders Radio
Freies Europa und „Kurier aus Warschau“ Jan Nowak, mit den kurzen Worten:
Treue, Beständigkeit, Klarheit und Mut. „Treue den immer gleichen und
unveränderlichen Grundsätzen und Zielen, Beständigkeit des Handelns und der
Arbeit, welche nur durch Gefangennahme unterbrochen wurde, Klarheit, die keine
Abweichungen, Zugeständnisse und Kompromisse kennt.“ Als Soldat der Polnischen
Heimatarmee unterstützte er Sofia Kossak bei der Gründung und Tätigkeit des
Rates für die Unterstützung der Juden, genannt „Żegota“. Er wurde vom Yad
Vashem-Institut mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern “ bedacht. Als
einer der ersten und jüngsten Auschwitz-Häftlinge konnte er jener Hölle
entfliehen. Er war Presseredakteur des Polnischen Untergrundstaates und nahm am
Warschauer Aufstand teil. Gleich nach dem Krieg pflegte er Verbindungen zur
oppositionellen Zeitung „Gazeta Ludowa“ und war PSL-Mitglied unter Stanisław
Mikołajczyk – die einzige Partei, der Bartoszewski je angehörte. Später war er
mit der Krakauer Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny” verbunden. Er war
Gefangener der stalinistischen Geheimpolizei im Rakowiecka-Gefängnis und in
Rawicz. Während des Kriegszustandes war er interniert. Zu Zeiten der Polnischen
Volksrepublik richtete sich die Aufmerksamkeit auf Bartoszewskis
Unerschütterlichkeit im Kampf und die Wahrheit über „Polska Walcząca“, die er
unermüdlich und der Zensur zum Trotz in offizielle Publikationen zu schmuggeln
versuchte. Um jene zu umgehen, nahm er bereits in den 1960er Jahren die
konspirative und gefährliche Zusammenarbeit mit Radio Freies Europa in München
auf. In Władysław Bartoszewskis Handeln spielten die deutsch-polnischen
Beziehungen stets eine wichtige Rolle. Dieser Mensch, der die Grausamkeiten der
Deutschen am eigenen Leib erlebt hatte, der Zeuge der größten deutschen
Verbrechen am Höhepunkt des Holocaust geworden war, wurde in der Nachkriegszeit
zum Wegbereiter der historischen Versöhnung mit Deutschland. Seit dem Herbst 1945 arbeitete er mit der
Hauptkommission zur Untersuchung der deutschen Verbrechen in Polen zusammen. In
deren Verlag erschien seine erste größere dokumentarisch-historische
Publikation „Öffentliche Hinrichtungen in Warschau von 1943 bis 1944“ als
Anhang zu den durch die polnische Seite vorbereiteten Materialien für die
Nürnberger Prozesse. In den 60er Jahren schloss sich Bartoszewski den Tätigkeiten
des Kreises polnischer Katholiken für die Versöhnung mit Deutschland an. Er
unternahm erste Studienreisen nach Österreich und in die BRD, bei denen er
erste persönliche und institutionelle Kontakte in Köln, München und Hamburg
aufnahm, u.a. zu Heinrich Böll, Klaus von Bismarck, Marion Gräfin Dönhoff und
Rita Süssmuth. Diese Kontakte wurden intensiviert, als er im Kriegszustand,
kurz nach seiner Freilassung aus der Internierung, ein Angebot des Bayrischen
Ministeriums für Wissenschaft und Bildung annahm: er erhielt eine Gastprofessur
des Freistaates Bayern am Eric Voegelin-Lehrstuhl des Politikwissenschaftlichen
Institutes der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Dort hielt er von 1983
bis 1984 zum ersten Mal in der Geschichte der Hochschule Seminare zum Thema
Holocaust ab. Außerdem gab er Vorlesungen an der katholischen Universität
Eichstätt-Ingolstadt sowie an der Universität Augsburg. Zu jener Zeit
erschienen in Westdeutschland erste Publikationen und Bücher Bartoszewskis.
Seine oppositionellen Tätigkeiten
gegen das kommunistische Regime sowie sein Einsatz für eine deutsch-polnische
Versöhnung trafen bei den Intellektuellen der BRD auf Anerkennung. Im Oktober
1986 erhielt er während der Internationalen Buchmesse in Frankfurt am Main, im Beisein
des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, den Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels. Die Lobansprache hielt der bayrische Kultusminister Prof. Hans
Maier. Bartoszewski erhielt diesen Preis als dritter Pole nach Janusz Korczak
und Leszek Kołakowski. Die PRL-Zensur verbot jegliche Information über die
Preisverleihung in den öffentlichen polnischen Medien. Der Umsturz im Jahr 1989
und der Fall des Kommunismus ermöglichten Władysław Bartoszewski eine Rückkehr
in den öffentlichen Dienst. Von 1990 bis 1995 war er polnischer Botschafter in
Wien. Zwei Mal bekleidete er das Amt des Außenministers der Polnischen
Republik, 1995 auf Empfehlung des Präsidenten Lech Wałęsa im Kabinett des
Premierministers Józef Oleksy und von 2000 bis 2001 in der Regierung Jerzy
Burzek. Von 1997 bis 2001 war er Senatsmitglied der vierten Legislaturperiode.
Am 20. November 2007 wurde er von Premierminister Donald Tusk zum
Staatssekretär im Ministerrat und zum Beauftragten des Ministerpräsidenten für
den internationalen Dialog berufen. Dieses Amt erfüllte er bis zu seinem Tod.
Der Höhepunkt im Lebenslauf des Władysław
Bartoszewski im Zusammenhang mit den deutsch-polnischen Beziehungen war seine
berühmte Rede am 28. April 1995 im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50-jährigen
Jubiläum der Beendigung des zweiten Weltkrieges während einer Sondersitzung des
Bundestages und Bundesrates in Bonn. Als erster Pole im Bundestag sprach er denkwürdige
Worte, wie um seine Tätigkeiten für die deutsch-polnische Verständigung
zusammenzufassen: „Die gemeinsame Geschichte Polens und Deutschlands ist eine
schwierige Geschichte. Wir müssen die durch Misstrauen, Verachtung,
Feindseligkeit und Krieg verlorene Zeit so schnell wie möglich aufholen. So
verstehe ich die Mission des heutigen, demokratischen Polens – seiner Regierung
und meine eigene – im Bezug auf Deutschland.“ In einem seiner Bücher, das
sowohl in Polen als auch in Deutschland herausgegeben wurde, schrieb
Bartoszewski: „In diesen meinen Träumen sehe ich unsere Beziehungen als solche,
in denen das Wort Pole bei Deutschen nichts anderes hervorruft, als wenn man
sagt: Schau mal, ein Holländer, Schwede, Brite, Franzose. Nur so viel. Und wenn
man in Polen Deutscher sagt, müsste dies nichts anderes bedeuten, als Bewohner
eines hochentwickelten Industrielandes. Polen und Deutsche wären füreinander:
komplett normale Leute.“
Auch ein Europa ohne Grenzen und die
Mitgliedschaft Polens in der Europäischen Union krönten den Lebensweg Władysław
Bartoszewskis.
Viele Male begrüßten wir Minister
Bartoszewski in der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. 2002,
anlässlich seines 80. Geburtstages, finanzierte die Stiftung die Herausgabe
eines Gedenkbuches mit dem Titel „Wahrheit und Versöhnung“. Darin enthalten
waren Erinnerungen an den Jubilar – u.a. aus der Feder von Größen wie Jan
Nowak-Jeziorański, Jaen Marie Kardinal Lustiger, Erhard Busek, Karl Kardinal
Lehmann, Stanisław Lem, Franciszek Kardinal Macharski, Szewach Weiss, Erzbischof
Józef Życiński, Zbigniew Brzeziński, Krzysztof Skubiszewski und Rita Süssmuth.
Im Mai feiert der Film „Erzählungen über Żegota“, den die Stiftung kofinanziert
hat, Premiere. Es ist der letzte Dokumentarfilm, an dem Bartoszewski mitgewirkt
hat.
Professor
Krzysztof Miszczak, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der SdpZ, war viele
Jahre lang Direktor des Kabinetts von Minister Bartoszewski – er erinnerte sich
an seinen Vorgesetzen am 25. April bei Radio RMF FM mit den folgenden Worten:
„Er war ein großartiger Chef. Am meisten habe ich ihn
dafür bewundert, dass er einfach Mensch war. Er mochte die Leute. Er wusste,
dass sie Schwächen haben, doch der Mensch besteht sowohl aus Schwächen, als
auch aus Stärken. Die Stärken sind die Elemente, die die Leute zeigen, weil sie
besser sein wollen – ihre Schwächen hingegen verstecken sie. Aber er bewunderte
die Menschen sowohl für das eine, wie auch für das andere. Außerdem hat er sehr
Vielen geholfen. Das ganze Team, das ich unter dem Herrn Minister geleitet
habe, er hat mit allen zusammengearbeitet, mit allen gesprochen. Er hat alles
gelesen, was seine Angestellten geschrieben haben, er hat es wirklich sehr
genau gelesen und verbessert. Er konnte mehrere Dinge gleichzeitig lesen, das
ist unglaublich. Er hatte ein geniales Gedächtnis und war sehr gebildet.
Einfach ein Gigant. Nicht nur in den deutsch-polnischen Beziehungen, denn die
sind heutzutage europäische Beziehungen – er war so eine bekannte
Persönlichkeit nicht nur in Europa. Ich erinnere mich an eine weniger bekannte
Episode: Das deutsch-polnische Versöhnungsmodell fand in asiatischen Ländern
Anwendung, z.B. haben die Volksrepublik China und Korea auf der einen und Japan
auf der anderen Seite ein ähnliches Versöhnungsproblem wie Polen mit
Deutschland. Er war in Japan und – stellen Sie sich das vor – er nahm an
internationalen Dialogen teil. D.h., nicht an internationalen Dialogen
beschränkt auf Europa, sondern das war ein globaler Dialog. Er war die letzte
Person, die letzte Persönlichkeit, die solche Erfahrungen gemacht hat und eine
solche Autorität, eine wahre Autorität war. Diese Autorität fehlt uns gerade
jetzt, angesichts der Wirren Europas, in denen gewisse Werte, die er vertrat,
ins Wanken geraten. Er war diese Instanz, dieses Fundament Europas, eines
Europas der Zukunft. Darum ist es
wirklich bedauerlich, dass er nicht mehr unter uns ist.“
In den allgemeinen Nachrichten auf TVP 1 sagte Prof.
Miszczak: „Für Bartoszewski waren die Deutschen nicht ein Volk von
Tätern oder Folterknechten, sondern ein Volk, das in einer bestimmten Epoche
verloren war. Er wollte ihnen helfen und konnte das nur durch seine
unglaubliche Biografie und die Offenheit zum Dialog tun. Er hat diesen Dialog
mit Deutschland nicht gefürchtet.“
Noch vor wenigen Tagen hielt Professor Bartoszewski eine
Rede anlässlich des 72. Jahrestages des Warschauer Ghetto-Aufstandes.
Ein Großer Pole, ein Weltbürger ist von uns gegangen –
sein Andenken in Ehren.