Wiktoria Michalina Hołda | Welche Rolle kann die Zivilgesellschaft in Zeiten wachsender Krisen, Polarisierung und Desinformation spielen? Diese Frage bildete den Ausgangspunkt für eine der wichtigsten Debatten während des Deutsch-Polnischen Forums 2026 in Berlin. Vertreter von gesellschaftlichen Organisationen, Kommunalverwaltungen, Medien, Kulturinstitutionen und Minderheitencommunities sprachen darüber, wie man die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland nicht nur auf politischer, sondern vor allem auf gesellschaftlicher Ebene, stärken sollte.
Die Teilnehmenden des Workshops „Zivilgesellschaft als Impulsgeberin für die Politik“ arbeiteten in sieben verschiedenen Themengruppen:
Die deutsche Minderheit und die Polonia – Brücken zwischen Deutschland und Polen; Medien, öffentliche Meinung und gegenseitige Bilder – Desinformation und Wahrnehmungen; Deutsch-polnische Solidarität in Krisenzeiten; Kulturprojekte als Begegnungsräume; Religiöse und zivilgesellschaftliche Begegnungsinitiativen; Städtepartnerschaften; Aufbau lokaler Initiativen und Zusammenarbeit in den deutsch-polnischen Beziehungen
Die Zivilgesellschaft vor neuen Herausforderungen
In vielen Gesprächen kam immer wieder die Überzeugung zum Ausdruck, dass Europa sich heute in einer besonderen Bewährungsprobe befindet. Migrationskrisen, Naturkatastrophen, Sicherheitsbedrohungen, Probleme der psychischen Gesundheit oder zunehmende Desinformation überschreiten immer häufiger Staatsgrenzen. In einer solchen Realität erweisen sich traditionelle politische Mechanismen als unzureichend.
Während der Diskussion zum Themenblock „Deutsch-polnische Solidarität in Krisenzeiten“, die von Marcin Przybysz, einem Experten für deutsch-polnische Zusammenarbeit und die Entwicklung der Zivilgesellschaft, moderiert wurde, hat man darauf hingewiesen, dass sich die Zusammenarbeit nicht ausschließlich auf die Reaktionen der Regierungen beschränken dürfe. Besonders wichtig würden dabei die Grenzregionen werden, in denen die Auswirkungen von Krisen am frühesten spürbar sind. Die Teilnehmenden wiesen darauf hin, dass Erfahrungen im Zusammenhang mit Migration, Hochwasser oder sozialen Problemen sowohl das Potenzial der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit als auch deren Schwächen aufzeigten. Noch immer versage allzu oft der Informationsfluss, und die Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaften würden von der Zentralverwaltung übersehen werden.
Desinformation und der Kampf um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit
Eines der am lebhaftesten diskutierten Themen war die Rolle der Medien bei der Prägung des gegenseitigen Bildes von Polen und Deutschland. Die Teilnehmenden der Themengruppe „Medien, öffentliche Meinung und gegenseitige Bilder – Desinformation und Wahrnehmungen“, die von Wojciech Szymański, einem Journalisten und Experten für soziale Kommunikation, Medien sowie deutsch-polnische Beziehungen geleitet wurde, wiesen darauf hin, dass die öffentliche Debatte zunehmend zu einem Schauplatz des Wettstreits zwischen vereinfachten Narrativen und emotionalen Botschaften werde.
In Polen würden sich die Medien oft auf Probleme konzentrieren, die es in Deutschland gibt, während die deutschen Redaktionen zunehmend die dynamische wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Polens wahrnehmen. Es stellte sich die Frage, ob die Zivilgesellschaft imstande sei, sich wirksam an dieser Debatte zu beteiligen. Viele Teilnehmende unterstrichen, dass zivilgesellschaftliche Organisationen sich aktiver zu öffentlichen Fragen äußern sollten. Es reiche nicht aus, wertvolle Projekte umzusetzen, man müsse auch in der Lage sein, darüber zu berichten. Ohne Medienpräsenz bleiben selbst die besten Initiativen unsichtbar, und der öffentliche Raum wird leicht von Stereotypen und Desinformation eingenommen.
Minderheiten als natürliche Botschafter des Dialogs
Einen besonderen Stellenwert in den Diskussionen nahm die Rolle der Polonia und der deutschen Minderheit ein. Die Gespräche im Rahmen der Themengruppe „Deutsche Minderheit und Polonia – Brücken zwischen Deutschland und Polen“ wurden von Lucjan Dzumla moderiert, dem Direktor des Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit und langjährigen Förderer des interkulturellen Dialogs sowie der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. Die Teilnehmenden wiesen darauf hin, dass diese Communities ein besonderes Potenzial für den Aufbau von Verständigung zwischen den Gesellschaften besitzen würden. Dank ihrer Kenntnis beider Sprachen, Kulturen und Erfahrungen könnten sie Missverständnisse wirksam abbauen und den Dialog fördern.
Zugleich wiesen die Teilnehmenden auf Probleme hin, die nach wie vor ungelöst seien. Es wurde über die asymmetrische Wahrnehmung von Geschichte, die unzureichende Vertretung bestimmter Milieus sowie die Notwendigkeit einer besseren Organisation der polnischen Communities im Ausland gesprochen. In Zeiten zunehmender Desinformation können gerade solche Organisationen eine besonders wichtige Rolle als glaubwürdige Vermittler zwischen den Gesellschaften spielen.
Kultur baut schneller Brücken als Politik
Besonders inspirierend waren die Gespräche zum Themenblock „Kulturprojekte als Begegnungsräume“. Moderiert wurde die Runde von Oliver Spatz, einem deutschen zivilgesellschaftlichen Aktivisten und Initiator von Kulturprojekten zur Förderung des europäischen Dialogs, sowie von Simona Koß, einer deutschen Politikerin und Aktivistin, die sich seit Jahren für die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit einsetzt. Beide versuchten davon zu überzeugen, dass Kulturprojekte nach wie vor eine der wirksamsten Formen seien, um gegenseitiges Verständnis aufzubauen.
Die Teilnehmenden betonten, dass Musik, Kunst, Literatur oder gemeinsame lokale Veranstaltungen es Menschen ermöglichen, sich zu begegnen, die sich unter anderen Umständen wahrscheinlich nie kennengelernt hätten. Kultur schaffe einen Raum des Dialogs, der frei von politischen Auseinandersetzungen und nationalen Stereotypen sei.
Gleichzeitig wurde auf die Notwendigkeit einer stärkeren finanziellen Unterstützung für Kulturinitiativen hingewiesen. Viele Teilnehmende betonten, dass diese Projekte oft nachhaltige gesellschaftliche Wirkungen erzielten, jedoch unter Bedingungen finanzieller Unsicherheit und in Abhängigkeit von kurzfristigen Fördermitteln stattfinden würden.
Die Stärke lokaler Gemeinschaften
Ähnliche Schlussfolgerungen ergaben sich aus den Gesprächen im Rahmen der Themengruppe „Städtepartnerschaften“. Diese wurde von Joachim Bleicker, einem deutschen Diplomaten und langjährigen Teilnehmer an Initiativen zur deutsch-polnischen Zusammenarbeit, sowie von Agnieszka Filipiak, einer Aktivistin, die sich für die Entwicklung der kommunalen Zusammenarbeit und internationaler Partnerschaften einsetzt, moderiert. Parallel dazu fand eine Diskussion in der Themengruppe „Aufbau lokaler Initiativen und Zusammenarbeit in den deutsch-polnischen Beziehungen“ statt, die von Iwona Kowalczyk, die sich mit der Förderung lokaler Bürgerinitiativen und sozialer Projekte befasst, sowie von Sandra Ewers, einer Expertin für die Entwicklung lokaler und grenzüberschreitender Zusammenarbeit, geleitet wurde.
Die Moderatoren wiesen darauf hin, dass die nachhaltigsten Beziehungen dort entstehen würden, wo die Einwohner die Möglichkeit hätten, in direkten Kontakt zueinander zu treten.
Die Zusammenarbeit von Schulen, sozialen Organisationen, Senioren, Jugendlichen oder Kulturinstitutionen schaffe ein Netzwerk von Verflechtungen, das wesentlich beständiger sei als einzelne politische Projekte. Gerade auf lokaler Ebene entstehe das Vertrauen, ohne das der Aufbau einer langfristigen Partnerschaft zwischen den Gesellschaften nicht möglich sei.
Ein weiteres wichtiges Thema war die Frage der Finanzierung. Die Teilnehmenden betonten wiederholt, dass die wertvollsten Initiativen als Bottom-up-Initiativen entstünden. Sie würden entstehen, weil die Einwohner ein konkretes Problem erkennen und es gemeinsam lösen wollten. Ihre Authentizität sei ihr größter Wert, doch gleichzeitig bleibe der Mangel an stabilen Finanzierungsquellen die größte Herausforderung.
Gemeinsame Verantwortung für die Zukunft
Die Diskussionen während des Forums haben gezeigt, dass die Zivilgesellschaft kein Anhängsel der Politik ist, sondern eine der Grundlagen demokratischer Beziehungen zwischen den Staaten. Es sind zivilgesellschaftliche Organisationen, Medien, Kulturinstitutionen, Religionsgemeinschaften, Kommunalverwaltungen und engagierte Bürger, die neue Herausforderungen meist als Erste erkennen und Lösungen vorschlagen.
In Zeiten wachsender Unsicherheit, Krisen und gesellschaftlicher Spannungen wird ihre Rolle noch wichtiger. Gerade sie schaffen Raum für Dialog dort, wo die Politik oft an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stößt.
Das Deutsch-Polnische Forum hat gezeigt, dass die Zukunft einer guten Nachbarschaft nicht ausschließlich von den Entscheidungen der Regierungen abhängt. Über deren Qualität entscheiden maßgeblich die Menschen, die jeden Tag Kooperationsnetzwerke knüpfen, gegenseitiges Vertrauen aufbauen und beweisen, dass die Partnerschaft zwischen Polen und Deutschland mehr ist als nur ein politisches Projekt. Das Forum ist ein praktischer Ausdruck der Zivilgesellschaft in Aktion.
Das diesjährige Deutsch-Polnischen Forum, das von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit organisiert wird – einer Institution, die seit über drei Jahrzehnten den Dialog, die gesellschaftliche Zusammenarbeit und gemeinsame Projekte von Polen und Deutschen fördert –, stand unter dem Motto „Nachbarschaft im Wandel. 35 Jahre deutsch-polnischer Zusammenarbeit“.